Herr Nimmermüde: Tags spielt er Cello, nachts schreibt er Bücher

Steven Isserlis ist mit seinem Cello fast nonstop unterwegs: an Konzerten, im Aufnahmestudio, an Meisterkursen. Aber der Brite kann nicht nur gut mit Musik, sondern auch mit Worten: Er liest leidenschaftlich gerne, und er schreibt. Zurzeit übersetzt er ein Werk von Robert Schumann – meistens nachts.

Ein Mann mit grauen Locken, an seiner Wange lehnt ein Cellobügel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Steven Isserlis pflegt das Cello-Repertoire in seiner ganzen Breite: vom Barock bis ins 21. Jahrhundert. Satoshi Aoyagi

Diesmal ist es der deutsche Komponist Robert Schumann, sein «Hero of Heroes», sein Superheld, wie er ihn nennt. Steven Isserlis ist fast fertig mit dem Manuskript – das verrät er im Gespräch nach der Probe im Künstlerzimmer. Er hat Schumanns musikalische Haus- und Lebensregeln ins Englische übersetzt, mit Anmerkungen, Kommentaren und eigenen Beobachtungen zum Musizieren, Üben und Auftreten. Da es spätestens im kommenden Winter erscheinen soll, muss er jetzt noch daran feilen.

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Zur Person

Steven Isserlis, geb. 1958 in London, ist nicht nur als Solist erfolgreich, sondern auch mit Kinderbüchern («Warum Beethoven mit Gulasch um sich warf») und -konzerten. Sein Grossvater ist der russische Komponist Julius Isserlis, sein Familienstammbaum lässt sich auf Felix Mendelssohn, Karl Marx und Helena Rubinstein zurückverfolgen.

Wider die Gier nach Erfolg

Dass sich der britische Cellist und Autor ausgerechnet Schumann vorgenommen hat, kommt nicht von ungefähr. Isserlis ist unglücklich mit gewissen Tendenzen im aktuellen Musikbetrieb. Er ist entschieden gegen die Gier nach Erfolg, will sich beim Publikum nicht anbiedern, um einen grossen Applaus zu erzielen. Auch in manchen zeitgenössischen Kompositionen hört er nur den verzweifelten Versuch, um jeden Preis Standing Ovations zu bekommen.

Auch Robert Schumann distanzierte sich vom Virtuosentum und dessen äusserlicher Effekthascherei. «Die Idee, dass ich Co-Autor von Schumann werde, gefällt mir sehr», sagt Isserliys, der ergraute Lockenkopf. Sein Rang als Schumann-Interpret auf dem Cello ist weltweit unbestritten. Er spielt das Schumann-Konzert mit warmem Ton, auf einem Cello, das mit Darmsaiten bespannt ist.

«Alle Geigenbauer danken mir dafür, dass ich Darmsaiten auf einem Stradivari-Cello aufziehe», sagt er. «Die Instrumente sind ja vor fast 300 Jahren gebaut worden. Die Spannung von Stahlsaiten ist für diese leicht und delikat gebauten Instrumente viel zu gross. Und ich liebe den Klang der Darmsaiten.»

«Gott, habe ich die Darmsaiten vermisst!»

Auf zwei Tourneen in Südostasien war Steven Isserlis als Solist mit einem Jugendorchester unterwegs. Es sei wunderbar gewesen, mit der Frische und der Spielfreude der jungen Menschen in Kontakt zu sein. Für diese Reisen hatte er sich entschieden, das Konzert von Joseph Haydn auf einem etwas robusteren Cello mit Stahlsaiten zu spielen. Denn Darmsaiten reagieren empfindlich auf hohe Luftfeuchtigkeit und verstimmen sich dauernd. «Es war ganz okay, aber – Gott, habe ich die Darmsaiten vermisst!»

Zeit, um seine literarischen Vorlieben zu pflegen, hat Steven Isserlis nicht oft. Weil er oft schlecht schläft, kommt er nachts zum Lesen – und zum Schreiben. Zwei Kinderbücher hat er unter anderem veröffentlicht, nun beschäftigt er sich intensiv mit Robert Schumann und dessen musikalischen Ratschlägen, die als Anhang zum «Album für die Jugend» erschienen. «Schumann war seiner Zeit so weit voraus» sagt Isserlis, «er hatte einen völlig anderen Begriff von Kindheit als seine Zeitgenossen, er konnte mit Kindern umgehen».

Verführt zum Mitdenken

Wie lustvoll und kindlich klug Isserlis selbst blödeln kann, zeigen seine Musik-Kinderbücher. Auch im Gespräch blitzt immer wieder seine Ironie auf. Steven Isserlis ist eben nicht nur musikalisch mitteilsam. Auch in den Blog-Einträgen auf seiner Website verführt er zum Mitdenken, sei es über Beethovens Cellosonaten oder über die Bild- und Klangwelt seines guten Freundes György Kurtág, dessen Kompositionen er jeweils zusammen mit den Solosuiten von Bach aufführt.

Kennt der rastlose Enthusiast auch Zustände der Erschöpfung? «Sicher» gibt er zu, und zählt sogleich auf, welche Gebirge von Terminen und Übungspensen sich vor ihm auftürmen. Aber ein gutes Mittagessen, «which really knocks me out», und ein erholsamer Mittagsschlaf danach – und Steven Isserlis gehört wieder ganz und gar der Musik. «Ohne Enthusiasmus», zitiert er Robert Schumann, «wird nichts Rechtes in der Kunst zuwege gebracht».

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