Im Internet zeigt sich das Selbstbewusstsein der Weltmusik

Weltmusik-Journalisten sind ewig Suchende. Ihre Expeditionen führen sie heute statt über staubige Strassen oft durch digitale Welten. Zwar ermögliche das Internet, von mehr Künstlern gehört zu werden, sagt Musikredaktorin Theresa Beyer – ganz gerecht sei der Markt trotzdem nicht.

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Theresa Beyer über das Internet als Chance für die Weltmusik

3:10 min, vom 24.7.2015

Theresa Beyer, was ist eigentlich Weltmusik?

Theresa Beyer: Weltmusik ist ein komplizierter Begriff, der als Marketing-Kategorie erfunden wurde. 1987 haben sich ein paar Plattenbosse in London zusammengesetzt; sie wussten nicht wohin mit der ganzen Musik aus Afrika, Asien und Lateinamerika und haben diesen Begriff «World Music» im Prinzip auf dem Reissbrett entworfen. Vielleicht ist es einfacher zu sagen, was keine Weltmusik ist: Das ist für mich Pop, der im angelsächsischen Raum produziert wird sowie westliche klassische Musik. Eigentlich ist es schön, dass der Begriff so weit ist und so vielseitig. Ich sehe das nicht als Schwäche.

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Theresa Beyer

Die studierte Musikethnologin ist seit 2013 Musikredaktorin bei SRF 2 Kultur. In der monatlichen Sendung «Musik der Welt – Das Magazin» sucht Theresa Beyer einen frischen Zugang zu Weltmusik, Neuer Volksmusik und Global Pop. Nebenher arbeitet sie als Kuratorin und Projektleiterin für das Berner Netzwerk Norient.

Was bedeutet Weltmusik heute in einer immer mehr globalisierten Welt?

Ich glaube nicht, dass die Globalisierung dazu führt, dass Musik in Zukunft überall gleich klingt. Vermischung sehe ich als Potenzial, nicht als Verwässerung. Ich denke auch, dass die Trennung, was «westlich» und was traditionell ist, in einer globalisierten Welt überholt ist. Highlife in Westafrika zum Beispiel ist zwar mit europäischen Instrumenten entstanden, die in der Kolonialzeit nach Afrika kamen. Das Genre hat aber mittlerweile eine bald 90-jährige Tradition und eine ganz eigene Entwicklung Richtung Popmusik durchlaufen. Ich finde es spannend, diesen Entwicklungen nachzugehen. Auszumachen, was daran jetzt «westlich» ist, ist kaum noch möglich.

Warum ist traditionelle Schweizer Volksmusik auch Weltmusik?

Weltmusik ist immer eine Frage der Perspektive. Für ein Publikum in Japan ist die Schweizer Volksmusik natürlich Weltmusik. Wie wäre es, mit diesem Blick mal die Musik vor der eigenen Haustür anzuschauen? Und was ist schon das «eigene»? Ein Jodelchor im Emmental kann auf mich als Städterin viel exotischer wirken als ein Rapper in Rio de Janeiro.

Wer bestimmt, was Weltmusik ist?

Früher haben Produzentinnen und Produzenten in Westeuropa viel mehr bestimmt, wie Musik etwa aus Afrika zu klingen hat. Ich denke, dieser Einfluss geht immer mehr zurück: Musik kann heute weltweit viel einfacher produziert werden. Deswegen ist sie künstlerisch eigenständiger, klingt so, wie die Künstlerinnen und Künstler das entscheiden. Über das Internet gelangt sie ziemlich direkt zu uns, ohne den Umweg über Weltmusikzeitschriften oder Weltmusikmessen. Wir Hörerinnen und Hörer haben die Freiheit, diese Musik auszuwählen, zu hören und gut zu finden. Wobei die Weltmusikszene durch das Internet nicht ganz demokratisch geworden ist. Noch immer kommen viele Journalisten oder Musikethnologinnen, die in Blogs über Weltmusik schreiben und die Musik auswählen, aus den USA und Westeuropa.

Wie sieht der Weltmusikmarkt heute aus?

Weltmusik ist heute weniger auf das westeuropäische Ohr zugeschnitten. Typische Weltmusik-Künstler wie etwa Youssou N'Dour produzieren ihr Album einmal für den lokalen Markt und einmal – ein bisschen softer – für den Export. Ich habe das Gefühl, dass wir in Zukunft immer mehr Musik hören werden, die zum Beispiel sowohl in Nigeria als auch bei uns funktioniert. Das liegt auch am Publikum in Europa: Es ist offener geworden und will Weltmusik nicht mehr nur als Projektionsfläche für Sehnsüchte nach etwas vermeintlich «Ursprünglichem».

Ein Beispiel?

Die Afrobeatsängerin Yemi Alade ist ein gutes Beispiel für diesen Wandel im Weltmusikmarkt. Nigeria hat eine riesige boomende Musikindustrie, die spannende Künstlerinnen und Künstler hervorbringt. Ihr Massstab ist nicht mehr der europäische Markt, sondern der eigene. Dieses Selbstbewusstsein schlägt sich in der Musik nieder: In Alades R'n'B stecken Klänge, die wir klar als «afrikanisch» empfinden. Für sie sind die Verweise eher ein ironisches Spiel. Auch wenn wir Unterschiedliches hineinlesen: Ihre Musik ist hier in Europa genauso mitreissend wie in Nigeria.

Ist Weltmusik auch politisch?

Auf jeden Fall! Mein Verständnis von Weltmusik bezieht auch Protestkultur mit ein: Mich interessieren die Lieder der Demonstrationen in Hong Kong oder die iranische Sängerin Mahsa Vahdat, die sich gegen das Singverbot für Frauen im Iran ausspricht. Oder als letztes Jahr Ebola ausgebrochen ist, haben Rapper in Liberia und Sierra Leone Songs geschrieben, die die Bevölkerung über wichtige Gesundheitsmassnahmen aufklärt. Denn die junge Bevölkerung macht in diesen Ländern die grosse Mehrheit aus – und mit Hip Hop erreicht man sie am besten. Diese Phänomene möchte ich in meinen Sendungen abbilden.