In der Werkstatt der Fantasie: Jürg Wyttenbach wird 80

Das Théâtre musical ist in Mode – mehr denn je. Jürg Wyttenbach ist ein Pionier dieser Strömung, die ein experimentelles Musiktheater ausserhalb der Oper entwickelt: Beim Schweizer Komponisten, Pianisten und Dirigenten geht auch mal eine Geige in die Brüche. Ein Atelierbesuch.

Ein Mann am Schreibtisch, hinter ihm ein Flügel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zuhause in Basel – und im kreativen Chaos: Jürg Wyttenbach, Schweizer Wegbereiter des Musiktheaters. Keystone

Zwei übereinanderliegende Zimmer. Eine steile Treppe, die sie verbindet. Der untere Raum ist fast vollständig ausgefüllt von zwei grossen, mit Noten übersäten Flügeln. Zentral im oberen Raum steht ein langer Arbeitstisch. Auch hier – wohin man blickt: Noten, Noten und nochmals Noten. Ein wunderbares, kreatives Durcheinander. Das ist das Künstleratelier von Jürg Wyttenbach, mitten in Basel.

Diese zwei Zimmer: Sie geben nicht nur einen Einblick in ein Arbeitsleben, sondern auch in künstlerische Innenräume: in die grandiose, unbändige Fantasiewelt des Komponisten, Pianisten und Dirigenten Jürg Wyttenbach, der am 2. Dezember 2015 seinen 80. Geburtstag feiert.

Neue Musikwege gehen

Wyttenbachs überbordende Fantasie findet man in fast allen seinen Werken, vor allem aber in den musiktheatralischen Stücken. Nicht die Perfektion des kompositorischen Handwerks interessierte den jungen Komponisten am Anfang seiner Laufbahn.

Wyttenbach wollte Neues ausprobieren und setzte dabei auf das risikoreichere, weil noch unbekannte Terrain des Instrumentalen Theaters. Dieser Begriff taucht in den späten 1950er-Jahren erstmals auf. Später wurde er vor allem für das Musiktheater von Mauricio Kagel (1931–2008) verwendet.

Die zerschmetterte Geige

Kagels Musiktheater versteht sich als kritische Befragung der musikalischen Traditionen und Konventionen. Auch Wyttenbach ist dieser Aspekt wichtig. Vor allem in den Stücken, die er im Nachhall der 1968er–Bewegung schrieb. Da trägt eine Komposition den hinterhältigen Titel «Exécution ajournée»: Das bedeutet «aufgeschobene Aufführung», aber eben auch «aufgeschobene Hinrichtung» – und am Ende des Streichquartetts zerschmettert der erste Geiger sein Instrument.

Wyttenbachs Werke sind aber – trotz der impliziten Kritik – immer spielerisch, voller Humor und hintersinnigem Witz. «Es war alles nicht so wild, wie es ausgeschaut hat», sagt er lachend. Überhaupt spürt man im Gespräch seine Freude an absurden Geschichten und kuriosen Anekdoten. Zum Beispiel über die Berner Ikone Madame de Meuron (1882–1980), in deren Gartenhaus der junge Wyttenbach einige Jahre lang lebte.

Ein Mann mit Béret steht vor einer Haustüre, die Hand an der Türklinke. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jürg Wyttenbach hat die Türen zu neuen Musikwelten aufgestossen – mit Humor. Keystone

Massgeschneiderte Partituren

Momentan erfährt das Instrumentale Theater bzw. das Théâtre musical einen Aufschwung: sowohl auf Festivals als auch in der Ausbildung an den Musikhochschulen. Für die meisten Wyttenbach-Werke bräuchte es allerdings solche Ausbildungen nicht. Denn die Stücke schreibt er seinen befreundeten Interpretinnen und Interpreten auf den Leib.

Es sind massgeschneiderte Partituren, zugeschnitten auf die Persönlichkeit mit ihren individuellen Fähigkeiten. Dabei schöpft Jürg Wyttenbach aus dem Vollen und gibt damit seinem Publikum immer auch einen Einblick in die Werkstatt seiner Fantasie.

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