In St. Moritz spielen Jazz-Stars in Wohnzimmer-Atmosphäre

Festivals waren noch nie nur die Angelegenheit eines programmatischen Geniestreichs. Örtlichkeit und Durchmischung des Publikums spielten für ein gelungenes Festival schon immer eine tragende Rolle. Am «Festival da Jazz» in St. Moritz zeigt sich das exemplarisch.

Jazzstars erleben fast wie im eigenen Wohnzimmer: Der «Dracula-Club» in St. Moritz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jazzstars erleben fast wie im eigenen Wohnzimmer: Der «Dracula-Club» in St. Moritz. Festival da Jazz

Jazz im Engadin? Mit dieser Ansage erntete man bis vor kurzem nur schiefe Blicke. Skifahren, Langlauf, Wandern, na klar; Bobfahren und selbst Polo auf der Eisfläche des St.Moritzer Sees, wieso nicht?

Aber Jazz? Dass Jazz im heutigen Kulturangebot eher zur Randsportart tendiert, würden selbst eingefleischte Fans eingestehen. Aber deswegen gleich ins Engadin damit? Für Christian Jott Jenny, Gründer und Vorsteher seines «Amts für Ideen», stellte sich diese Frage so nie.

Portrait Rolf Sachs mit Christian Jott Jenny, die «Macher» des «Festival da Jazz» in St. Moritz Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rolf Sachs mit Christian Jott Jenny, die «Macher» des «Festival da Jazz» in St. Moritz fotoswiss/cattaneo

Der Pfiffikus mit der Zürischnörre

Als ihm Rolf Sachs 2007 die Pforten zum legendären «Dracula Club» in St. Moritz öffnete, zögerte der Pfiffikus mit Zürischnörre, Gesangsdiplom und Berliner Bleibe keinen Moment und veranstaltet dort seitdem sein «Festival da Jazz».

Jenny, der mal mit Schuberts «Winterreise» oder als «Gesellschaftstenor Leo Wundergut» auftritt, tat das, was er am besten kann: Kontakte knüpfen und pflegen. Er fand Sponsoren, und er buchte internationale und nationale Spitzenkräfte, die sich sonst zu dieser Jahreszeit meistens an Festivals wie in Montreux die Klinke in die Hand geben.

Der spezielle Ort macht's aus

Auf George Gruntz folgte Monty Alexander oder Till Brönner. Und alle fühlten sich in diesem grösseren Wohnzimmer auf gut 1800 Meter über dem Meeresspiegel sofort zu Hause. Das hat seinen Grund durchaus in der Musik.

Der Jazz hat sich in Clubs dieser Grösse entwickelt; solche Räume bieten das ideale Ambiente für die Sorte von Publikumsnähe, in der bei Improvisationen der Funke überspringt.

Und das funktioniert auch bei einem Publikum, bei dem die Promidichte manchmal etwas höher ist als an traditionellen Jazzfestivalstätten. Im Raum, der knapp 150 Personen Platz bietet, ist jeder Quadratzentimeter mit wippenden Füssen besetzt.

Es gibt keine VIP-Lounges, und der Weg zu den Sessions in der Miles Davis Lounge im «Hotel Kulm» ist nach den Konzerten für alle gleich lang.

Das Who-is-Who der Jazz-Szene

Das alles schafft eine Atmosphäre, die für die Jazzstars oft attraktiver ist als eine exorbitante Gage. Dadurch wird ein Programm ermöglicht, bei dem man sich beim Lesen manchmal verwundert die Augen reibt.

Dee Dee Bridgewater, Chick Corea, David Sanborn, die Brecker Brothers Reunion Band oder Al Jarreau stehen bei dieser Ausgabe vom 11. Juli bis zum 11. August auf der Affiche.

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