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Jazz-Comic «Emanon» Sehr sehr schön, aber worum geht's hier bitte?

«Emanon» von Saxophonist Wayne Shorter ist ein Jazz-Album und ein Comic. Das versteht wohl niemand so wirklich. Stört aber kein bisschen.

Als Kind verbrachte er mehr Zeit auf dem Mars als auf der Erde, mit 15 zeichnete er ein Comic-Buch. Erst 70 Jahre später aber präsentiert der Saxophonist Wayne Shorter sein Gesamtkunstwerk «Emanon» – illustriert vom Zeichner Randy DuBurke.

«Emanon», das sind drei CDs voller Musik in zwei verschiedenen Besetzungen. Komponiert und frei improvisiert.

«Emanon», das ist aber auch eine Graphic Novel, rund 80 Seiten stark. Mit einem Comic-Helden in der Art der Marvel-Figuren.

Wilde Zeichnungen aus dem Buch
Legende: Interplanetärer Superheld: «Emanon» schaut auf vier Welten zum Rechten. Randy DuBurke

Der Held heisst wie das ganze Werk «Emanon». Rückwärts: «Noname», der Namenlose. Und während dieser Name darauf verweist, dass sich der Musiker Shorter gerne mit dem Unbekannten befasst, geht «Emanon» im Comic sehr schnell handfest zur Sache: Er zertrümmert einen bösen Roboter und befreit die Menschen auf dem Planeten Ypnos (griechisch für Schlaf) aus ihrem Dämmerzustand.

Nein, auch die Musik erklärt den Comic nicht

Es folgen drei weitere Welten, auf denen «Emanon» zum Rechten schaut. Analog zur vierteiligen Suite «Emanon», die Wayne Shorter für Jazz-Quartett und Kammerorchester geschrieben hat. Die Aufnahme dieses Werks ist auf der ersten CD zu finden.

CD zwei und drei sind dann freie Adaptationen des Werks, die Wayne Shorter alleine mit seinem Quartett eingespielt hat. Die Band, mit der er berühmterweise nie probt: «You cannot rehearse the unknown», wie Wayne Shorter oft zitiert wird.

Eine Collage von «Emanon»
Legende: «Emanon» neigt zu Gewalt, wird aber trotzdem als Philosoph bezeichnet. Randy DuBurke

Dass die Suite vier Teile hat und «Emanon» vier Welten befreit, ist aber nur auf den ersten Blick hilfreich.

Insofern macht Wayne Shorter Ernst mit dem Erkunden des Unbekannten: Der Comic, fantastisch gezeichnet und illustriert vom US-amerikanischen Illustrator Randy DuBurke, ist nicht dazu da, die Musik zu erklären.

Die Angst vor dem Unbekannten

Und die Musik erklärt den Comic sowieso nicht, das sind nicht die «Vier Jahreszeiten» von Vivaldi, das ist komplexerer Stoff. Schon nach den ersten Seiten hat man mehr Fragen als Antworten.

Warum kommt zu Beginn von jeder Episode ein Pegasus auf eine Welt heruntergesegelt? Ist das «Emanon» in anderer Gestalt? Ist es sein Raumschiff? Warum wird «Emanon» ein «Rogue Philosoper» genannt, frei übersetzt: ein Freigeist, Querdenker? Wo er doch vor allem seine Fäuste einsetzt?

Eine Zeichnung eines Pegasus
Legende: Und dann war da noch ein Pegasus: Was dieses fliegende Pferd im Comic zu suchen hat, wird nicht erklärt. Randy DuBurke

Immerhin gibt Wayne Shorter selber im Interview ein paar Denkansätze zu seinem Opus Magnum: Es gehe darum, die Angst vor dem Unbekannten zu überwinden. Den Mut zu haben, das Leben mit all seinen Widrigkeiten zu akzeptieren.

Dazu gehört: Fragen auszuhalten. Beispielsweise auch die letzte Frage im Buch: «Könnte es sein, dass das Böse und Hässliche einfach das Gute und Schöne von der anderen Seite gesehen ist?»

Ein Buch wie eine LP

Zeichner Randy DuBurke stellt im Interview klar: «Die Musik und das Buch reflektieren einander.» Das stimmt auf jeden Fall.

Nur schon das Buch in Händen zu halten, die grossen, bunten Seiten umzublättern, dazu die Musik zu hören ist ein Erlebnis. «Emanon» soll es nur analog geben, keine Downloads, kein E-Book.

Es erinnert, und das ist natürlich gewollt, an das Auspacken eines Vinyl-Albums, das Bestaunen des Album-Covers, das Auflegen der LP auf den Plattenteller.

Eine Darstellung eines Schlachtfelds, aucf der Soldaten gegen riesige Rüssel kämpfen.
Legende: «Emanon» fühlt sich an, als würde man ein LP-Cover lesen. Randy DuBurke

Zeitgemäss ist das nicht. Ganz viele Hörerinnen und Hörer, auch solche, die vielleicht offen wären für die anspruchsvolle Musik von Shorter, werden nicht auf die Idee kommen, «Emanon» wirklich zu kaufen, nur damit sie mal ein Buch in den Händen halten können.

Um «Emanon» dabei zu begleiten, wie er im Universum allen die Augen öffnet, muss man schon selber sehen wollen.