Brillant, ausgewandert, verstummt: Elsie Bianchi Brunner

Frauen sind heute keine Ausnahmeerscheinungen mehr in der Schweizer Jazzlandschaft. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg noch anders. Trotzdem – eine Schweizer Jazzerin machte damals sogar in Übersee Karriere: die Pianistin Elsie Bianchi Brunner.

Video «Jazz in der Schweiz: Zwischen Aufbruch und Tradition - Folge 3» abspielen

Jazz in der Schweiz: Zwischen Aufbruch und Tradition - Folge 3

57 min, aus Sternstunde Musik vom 9.6.2013

Jazz + Frau = Exotin? Warum sind Frauen im Jazzbetrieb noch immer eher selten? Darüber ist schon viel nachgedacht und noch mehr geschrieben worden. Die einen machen es an den traditionellen Rollenverständnissen fest. Andere an den fehlenden weiblichen Vorbildern oder an der stark wettbewerbsgeprägten Kultur der virtuosen «High Performance»-Jazz-Solisten, die Frauen nicht speziell anzuziehen scheint.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Ein Blick in die Schweizer Jazzgeschichte aber zeigt: Es gibt Ausnahmen. Schon in den Anfängen des Schweizer Jazz ist mindestens eine erfolgreiche Schweizer Jazzerin festzumachen: Elsie Bianchi Brunner, geboren 1930 in Zürich. Ab den frühen 50er Jahren war sie über 20 Jahre lang aktive Jazz-Pianistin und Sängerin und hatte ihre eigene Jazzformation, das Elsie Bianchi Trio.

Porträt von Elsie Bianchi Brunner. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Elsie Bianchi Brunner in den 60er Jahren. sonorama

Weibliche Vorbilder in den USA

Als Kind hatte Elsie Brunner Akkordeon- und Klavierunterricht erhalten. Ihre Brüder waren begeisterte Jazzfans und steckten ihre Schwester mit dem Jazz-Virus an. 1951 trat sie am ersten Zürcher Amateur-Jazzfestival als junge Jazz-Sängerin und Akkordeonistin auf und wurde auch an späteren Auftritten in Zürich mehrfach ausgezeichnet.

In ihren Anfängen als Jazzpianistin hatte Elsie Brunner vor allem weibliche Vorbilder in Übersee. Wenig erstaunlich zog es sie deshalb für Auftrittsmöglichkeiten in die USA. Dabei geholfen hat ihr sicher auch die Heirat mit einem amerikanischen Jazzmusiker, dem Saxophonisten und Bassisten Siro Bianchi.

Ein Trio als Familienunternehmen

In der Folge pendelte sie lange mit ihrem Mann zwischen den USA und der Schweiz hin und her – bis sie Ende der 60er Jahre ganz in die USA zog. Hier konzentrierte sich ihre musikalischen Karriere zu einem grossen Teil im Raum von Atlanta, Georgia, wo sie mit ihrem Elsie Bianchi Trio regelmässig Konzerte gab.

Elsie Bianchi singt «I Remember Clifford» (1962)

0:55 min, vom 30.4.2013

Das Trio war in seiner Kernformation ein Familienunternehmen. Ihr Mann Siro spielte Saxophon und Bass, ihr Neffe Schlagzeug. Über zehn Jahre lang spielte das Trio regelmässig im Club «Château Fleur de Lis» und machte hochstehenden und unterhaltsamen Club-Jazz.

Einflüsse aus dem Cool Jazz

Das Elsie Bianchi Trio war eine lokale Grösse und wurde von den grossen US-Medien kaum beachtet. Zu Unrecht, wie ein Artikel in der Zeitung «Atlanta Night Life» 1972 schreibt: «Elsie is one of the most relaxed pianists I have ever heard. As one listens, it becomes apparent that the ‹very pleasant music› is an unfolding panorama of musical improvisation.»

Elsie sei eine der entspanntesten Pianistinnen, ist im Artikel zu lesen. «Beim Zuhören zeigt sich, dass die ‹gefällige Musik› ein Panorama der Improvisation entfaltet.» Elsie Bianchi Brunners Art zu spielen ist introvertiert und hat eine spielerische Spannung in der Tradition des Cool Jazz.

Der Einfluss kommt nicht von ungefähr: Elsie und Siro Bianchi traten auch in Kalifornien im berühmten Hermosa Club südlich von Los Angeles auf, wo viele Grössen des Cool Jazz oder Westcoast Jazz in den 50er Jahren ihre Bühne hatten: Howard Rumsey spielte dort permanent mit seiner Allstar-Band, Grössen wie die Trompeter Chet Baker oder Miles Davis traten dort mit den Allstars auf.

Mit Chet Baker ging Elsie Bianchi Brunner im Jahr 1955 auch auf Europa-Tournee. Eine Radioaufnahme aus dieser Zeit zeugt von dieser Zusammenarbeit. Angekündigt als «ausländische Überraschung des Abends» spielte Chet Baker live mit dem Elsie Bianchi Trio das Stück «Happy Little Sunbeam».

Die einzige Studio-Platte des Trios

In der Schweiz war Elsie Bianchi Brunners Auftrittsort neben verschiedenen Winterkurorten auch das legendäre Atlantis in Basel. Nach einem dieser Auftritte entstand in den 60er Jahren die Idee zur einzigen Studio-Schallplatte des Elsie Bianchi Trios, dieses Mal mit Charly Antolini am Schlagzeug («The Sweetest Sound», 1965).

Fast 40 Jahre später hat ein CD-Label dann einige Live-Aufnahmen aus dem Atlantis als Rarität veröffentlicht («Atlantis Blues», 2004).

Nach Bianchi der Free Jazz

Eine Karriere wie jene von Elsie Bianchi Brunner wäre ohne Umweg in die USA wohl anders verlaufen: Hierzulande blieben Frauen in der Jazzszene noch länger als anderswo eine Ausnahmeerscheinung. Die Schweiz erholte sich zwar nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich, das Frauenbild hinkte aber der gesellschaftlichen Entwicklung im restlichen Europa und jeder in den USA hinterher.

Kaum erstaunlich, dass sich Schweizer Jazzerinnen wie die Pianistin Irène Schweizer im Free Jazz durchsetzen konnten. In dieser Szene gab es weniger bereits besetztes Terrain. Irène Schweizer ist rund zehn Jahre nach Elsie Bianchi geboren und hat sich in der international gut vernetzten Free Jazz-Szene einen Namen machen können.

Jazz inspiriert junge Musikerinnen

Andere Instrumentalistinnen und Komponistinnen wie Margrit Rieben, Co Streiff und Susanne Abbühl haben sich später ebenfalls ihre eigene Jazz-Nische gesucht. Sie fusionieren musikalisch meist mit anderen Stilen oder Sparten.

«Ich kannte keine andere Frau, die Jazz-Musik machte»

0:46 min, vom 30.4.2013

Inzwischen laufen Songwriterinnen wie Heidi Happy oder Sophie Hunger ihnen den Rang ab. Sie sind musikalisch breiter aufgestellt, nur noch am Rand vom Jazz inspiriert und dementsprechend bekannter. Und die Schweizer Musikhochschulen warten noch immer darauf, dass ihnen die Jazz-Studentinnen die Türe einrennen.

Bianchi, die Vergessene

Elsie Bianchi Brunner ist inzwischen 83 Jahre alt – Musik hört sie hauptsächlich noch passiv, aktiv spielt sie nicht mehr. Mit ihrem Mann lebt sie auf einem ländlichen Anwesen in Royston, Georgia. Hier hat sie sich niedergelassen, nachdem sie aus dem Musikbusiness ausgestiegen und ins Sportartikelgeschäft einstiegen war.

Dass man von Elsie Bianchi Brunner nichts mehr hört, hat sicherlich mit dem Abbruch ihrer Karriere in den späten 70er Jahren zu tun und auch damit, dass es nur sehr wenige CD-Aufnahmen mit ihrem Trio gibt. Heute sind sie als Raritäten wieder gesucht.

Sendungen zu diesem Artikel