Schweizer Jazz und die Herausforderung «Röstigraben»

Kennt die Schweizer Jazzszene einen Röstigraben? Nach dem Zweiten Weltkrieg jedenfalls war dies nicht der Fall: Jazz bot eine Vision über die Sprachgrenzen hinweg. Heute ist die Sache komplizierter – die Schweiz hat zahlreiche musikalische Szenen, deren lokale Farbtöne sich stetig wandeln.

Video «Jazz in der Schweiz: Der eigene Weg - Folge 2» abspielen

Jazz in der Schweiz: Der eigene Weg - Folge 2

59 min, aus Sternstunde Musik vom 2.6.2013

Der Röstigraben ist ein alter helvetischer Neologismus, der Ende der 1970er Jahre wiederbelebt und der Zeit angepasst wurde. Man missbraucht ihn seither so oft, dass er mittlerweile alles und auch sein Gegenteil bedeutet. Natürlich sind die Lösungen für kulturelle und soziale Probleme nicht dieselben, wenn man in Luzern, Lugano oder Neuenburg lebt. Doch die Probleme ähneln sich immer mehr, seit sich die Schweiz als «Willensnation» definiert hat.

Die Musikstile, die man unter der Bezeichnung «Jazz» zusammenfasst, haben nicht nur Menschen verbunden, die entfernt voneinander leben, sondern sie haben auch Streitereien ums Erbe geweckt. Gibt es also, aus historisch betrachtet, eine Besonderheit des Jazz in der Raumordnung des schweizerischen Kulturgebiets?

Zusammengehörigkeit über Sprachgrenzen hinweg

Jazz hat zuerst die Generationen getrennt, weil er mit einer Wissenschaft der Synkope die Jungen zum Träumen und Tanzen brachte, die die Älteren für schamlos hielten. Gleichzeitig hat er während und nach dem Zweiten Weltkrieg Westschweizer, Deutschschweizer und Tessiner vereint. Glenn Miller, Duke Ellington und Fred Böhler schufen einen willkommenen Kontrapunkt zu den Marschstiefeln, deren Lärm Europa erfüllte. Die multikulturelle Schweiz benötigte eine Vision, und der Jazz hat sie ihr geboten.

George Gruntz: «Vorher haben alle für sich musiziert»

1:03 min, vom 7.5.2013

Zehn Jahre später verlieh das Amateur-Jazzfestival in Zürich dieser neuen Zusammengehörigkeit eine nationale Sichtbarkeit. Es löste die «Jazznächte» ab, die in allen Winkeln des Landes Furore machten.

Der Streit zwischen den «Alten» und den «Modernen» hinderte niemanden am Feiern. Jazz war sozialer, ästhetischer und musikalischer Treibstoff. Die Musiker kannten sich alle, und das Publikum folgte der Spur des Jazz, ohne auf die Sprachgrenzen zu achten.

Tanzorchester hatten nicht mehr genügend Arbeit, manche wanderten aus. Werner «Wieni» Keller spielte in Deutschland. Pierre Favre fand nördlich des Rheins eine Stelle bei Max Greger. Daniel Humair etablierte sich in Paris, wo die Clubs von Saint-Germain blühten. Aber für die Mehrheit blieb der Jazz eine Angelegenheit des «Amateurismus» im besten Sinn: eine Sache der Liebhaberei. Viele Eltern waren erleichtert. Wenn denn diese jungen Existentialisten eines Tages ihre Ausbildung hinter sich hätten, würden sie schon zu ernsthafteren Dingen übergehen…

Gräben trotz des Zusammenwachsens

Die Eltern täuschten sich. Ab dem Ende der 1960er Jahre bemächtigte sich eine neue Generation des Jazz. Sie verwandelte ihn in einen musikalischen Entwurf, der allen offenstand. Er ist keine vorgespurte Bahn mehr, denn die Musik und ihre Zuordnungen änderten sich wie die beruflichen Herausforderungen. Diese Entwicklung steht am Ursprung der heutigen Jazz-Landschaft. Sie verdankt viel der Devise «think globally, act locally».

Auf lokaler Ebene schufen die Musiker neue Organisationen: Modern Jazz Zürich, AMR in Genf, Musique Action Lausanne, um nur einige zu nennen. Die Arbeit des Labels Intakt Records in Zürich, das mit Berlin, London und New York vernetzt ist, ist ein gutes Beispiel. Diese lokale Autonomie ist ein Bestandteil des Erbes des heutigen Jazz, genauso wichtig wie das Repertoire, das übers Internet auf neuartigen Tonträgern zur Verfügung gestellt wird.

Das Publikum ist weniger mobil

Als Folge dieser Entwicklung hat die Schweizer Jazzszene allerdings keine grosse jährliche Messe mehr. Und man weiss je länger je weniger, was sich in der Nachbarstadt abspielt. Die Musiker tun sich aufgrund ihrer Affinitäten zusammen, doch das Publikum reist weniger umher. Die Grosszügigkeit der Gemeinde- und Kantonsbehörden erlaubt es bisweilen, ein Projekt längerfristig zu verankern. Anderswo hängt alles von der Hartnäckigkeit einer Handvoll Aktivisten ab.

Es ist deshalb schwierig, Besonderheiten jeder Sprachregion festzumachen. Die lokalen Farbtöne ändern sich sehr schnell. Jeden Tag bilden sich neue Netze, die gewisse Klischees aus der Vergangenheit in der Versenkung verschwinden lassen, wie zum Beispiel den lateinischen Charakter eines sogenannten «Jazz romand».

Den Jazz anders denken

Zur Jahrhundertwende zeichnet sich eine neue Entwicklung ab: Diese verdankt viel der Formalisierung der Jazz-Ausbildung und der Tatsache, dass viele neue Konzertorte entstanden sind. Alles deutet darauf hin, dass diese Entwicklung von Dauer sein wird.

Colin Vallon: «beeinflusst von Oscar Peterson und Metallica»

1:34 min, vom 7.5.2013

Manche Vertreter der neuen Generation wie der Pianist Colin Vallon brauchten sich nicht in Paris oder Berlin durchzusetzen, um später hierzulande ein Publikum zu finden. Sie treten überall auf. Ausserdem betreten mit zeitgenössischen Musikströmungen, die mit dem Jazz und der afro-amerikanischer Erbe eng verwandt sind, zahlreiche Musiker die Bühne: Sie verpflichten einen dazu, den Jazz anders zu denken und neue Verbindungen herzustellen.

Wenn der Jazz heute auch nicht mehr einen idealen Horizont für alle verkörpert, so bleibt er dennoch ein Spiegel von Identitäten, die sich wandeln. Der Jazz hat eine Schlüsselrolle gespielt bei der Erneuerung der Schweizer Kulturlandschaft: Er hat den Musikern eine «Pop»-Matrix geliefert, eine Lust, ein persönliches Repertoire zu komponieren und neue Unterrichtsweisen zu entwickeln.

Der Röstigraben ist daher kein unüberwindbares Hindernis, ausser man erachtet Kultur als starre Grösse. Und das ist höchstens eine einfache Ausrede, um den Nachbarn zu ignorieren.

Sendungen zu diesem Artikel