Klangbilder aus komplexen Kompositionen

Während eines LSD-Trips entdeckt Stephen Malinowski die visuelle Kraft von Tönen. Begeistert entwickelt der Amerikaner eine Software, die Töne sichtbar macht. Eine Pionierarbeit. Heute arbeitet er mit Künstlern wie Björk, seine Clips sind YouTube-Hits und er tritt damit bei Konzerten auf.

Wildes Nebeneinander und Übereinander von grünen, blauen und türkiesen Farbperlen auf dunkelblauem Grund. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ausschnitt von Smalins Audiovisualisierung von Thomas Tallis «Spem in alium». Youtube

Alles beginnt mit einer Halluzination. Eines Tages im Jahr 1974 nimmt der kalifornische Pianist, Komponist und Software-Entwickler Stephen Malinowski die Droge LSD und hört sich dann die «Siciliana» aus Bachs g-Moll Violinpartita an. Er liest in der Partitur mit, und plötzlich beginnen in seiner Vorstellung die Noten zu tanzen. So erlebt Malinowski das Fähnchen der Achtelnote in seinem halluzinogenen Zustand als Armbewegung eines Balletttänzers. Die Formen der Notation und die Gestik der Musik verschmelzen.

Vom LSD-Trip zur konkreten Vision

Aus der LSD-Halluzination wird eine Idee: Der heute 61-jährige Malinowski, alias «Smalin», stellt sowohl übersichtliche als auch komplexe, vielstimmige Musik mit Animationen visuell dar. Mit Liebe zum Detail, aber trotzdem so, dass auch der Musik-Laie ohne Notenkenntnisse die Klangbilder mitverfolgen kann. Die Visualisierungen haben neben ästhetischen vor allem auch musikanalytische Ziele: Sie sollen als grafische Partitur das Musikverständnis fördern und den Höreindruck intensivieren. Das Auge soll das Ohr leiten.

Music Animation Machine

Die ersten Visualisierungen zeichnet Malinowski vor über 40 Jahren auf Papier. Später programmiert er auf den ersten Personal-Computern eine Software, die Musik sichtbar macht. Die sogenannte «Music Animation Machine» (MAM) ist eine Pioniertat. Malinowski kreiert damit Animationen, die differenzierter und aufschlussreicher sind als andere Audiovisualisierungen dieser Zeit, z.B. das «Atari Video Music System C-240 Mint» von 1976.

Bilder wie aus einem psychedelischen Traum

Viele Audiovisualisierungs-Plug-ins (z.B. der Media Player) zeigen mal mehr, mal weniger überzeugend die Stimmungen von Musik und insbesondere deren Rhythmus. Smalin bildet demgegenüber schon in den frühen Prototypen die Struktur von Musik ab: Er verdeutlicht die einzelnen Stimmen durch verschiedene Farben oder Formen wie Kreise, Balken, Rauten oder animierte Linien. Der genaue Verlauf der Tonhöhen ist wie in einem Midi-Editor dargestellt und die ganze Visualisierung zieht schliesslich linear vorbei. So lassen sich auch mehrstimmige Strukturen ziemlich leicht durchschauen.

Malinowski experimentiert mit verschiedenen Arten der Visualisierung. Er verfeinert über die Jahrzehnte seine Arbeiten und berücksichtigte darin etwa auch die Klangfarben. Seine grafischen Partituren sind bunt und verspielt, bisweilen gar poetisch.

Nahe am Notentext

Vor allem aber sind sie aufschlussreich und meist sehr übersichtlich. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche und bleiben nahe am Notentext. Als Grundlage verwendet Malinowski Musik verschiedenster Stilrichtungen. Er arbeitet auch mit Klassik- und Popstars wie John Adams oder Björk (Biophilia, Vulnicura) zusammen.

Smalins Videos sind auf YouTube sehr beliebt, seit 2012 sind sie auch live in Konzerten zu erleben. Zusätzlich zu den Musikern steuert hier eine weitere Person die Animation synchron zur Musik. Das dafür nötige Gerät entwickelte Malinowski ebenfalls selber: Es besteht unter anderem aus einer Autofenster-Kurbel.