Lohnt es sich, klassischen Musikern auf Twitter zu folgen?

Klassische Musiker sind altbacken, klassische Musik sowieso. Dieses Image hält sich wacker, besonders bei der jungen Generation. Und doch sind immer öfter auch klassische Musiker in sozialen Medien aktiv. Was geben sie von sich preis? Ein Abstecher in die klassische Sphäre der sozialen Netzwerke.

Ein Ipad mit einem Twitter-Vögelchen auf einem Notenständer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Twittern und musizieren: Auch Klassische Musiker äussern sich in den sozialen Netzwerken. SRF / Matthias Willi

Wenn Rihanna sich betrunken auf Twitter präsentiert oder Justin Bieber seinen Allerwertesten auf Instagram entblösst, schockiert das keinen mehr. Popstars zeigen sich in sozialen Medien von allen Seiten – auch von solchen, die man nicht sehen will. Privatsphäre wird klein geschrieben. Doch wie sieht es bei klassischen Musikern aus? Sind sie auf Twitter und Co. auch so freizügig wie ihre populären Pendants?

Nur Austausch von Belanglosem?

«Ich nutze Twitter, um Belanglosigkeiten auszutauschen, um ‹dabei› zu sein», sagt der Schweizer Cellist und Komponist Thomas Demenga. Er nutzt die soziale Plattform regelmässig, freut sich über ein wunderbares Guarneri-Cello – «Ein Engel hat es mir gekauft» – oder zeigt sein «bescheidenes Selbst» nach der Aufnahme der Bachsuiten. Mit Witz und Charme teilt Thomas Demenga ab und zu Häppchen aus seinem Musikeralltag.

Komm leb mit mir auf Twitter!

Eher ständig als sporadisch zwitschert das Vögelchen auf den Profilen anderer klassischer Musiker. Auf Schritt und Tritt ist man etwa bei Plácido Domingo dabei – auch privat. Domingo bei «Lion King» mit seinen Enkelkindern, Domingo in Trauer um seine Schwester, Domingo beim Üben im Flugzeug, Domingo auf der Bühne: Jeder Moment wird auf Twitter dokumentiert – Twitter dient als Chronik eines Lebens. Besonders an Feiertagen ist man aber gerne bei Domingo dabei: Seine selbstgebastelten Grusskarten sind ein Höhepunkt.

Auch die russische Operndiva Anna Netrebko entblättert sich in den sozialen Netzwerken. Sie zeigt sich auch mal bei eisiger Kälte im Badeanzug und präsentiert sich ansonsten von ihrer makellosen Seite: Makellos aufgehübscht – vor oder hinter der Bühne – oder glücklich mit Freund und Sohn. Ein perfektes, oder perfekt inszeniertes, Leben auf Twitter. Witz oder Selbstironie: vergebens gesucht.

In die Tasten hauen – mit Witz

«Viele klassische Musiker schreiben sehr wenig, sehr langweilig oder erzählen Uninteressantes», so Thomas Demenga. Auch er folgt klassischen Musikern auf Twitter. Der Cellist und Komponist mag sarkastischen Humor. Den findet er auf Twitter bei seinem alten Freund, dem englischen Cellisten Steven Isserlis.

So manch ein klassischer Musiker mit Spassvogelpotential – im besten Sinne – findet sich auf Twitter. Der britische Opernsänger Christopher Gillet etwa zelebriert das (un)glamouröse Leben als Opernsänger. Auch der Brite Stephen Hough nimmt sein Leben als Pianist nicht immer ganz so ernst.

Klassisch twittern? Nein, danke!

Eine unkonventionelle Form der Kommunikation hat die amerikanische Geigerin Hilary Hahn für ihren Twitter-Account gewählt: Ihr Geigenkasten twittert über die gemeinsamen Abenteuer des Instruments und der Musikerin.

Sozusagen aus dem Geigenkasten plaudert auch die deutsche Stargeigerin Julia Fischer. In ihrer wöchentlichen Radio- und Online-Kolumne «Geigenkasten» gibt sie Einblicke in ihre Arbeit und beantwortet Fragen wie: Ist Geige ein Mädcheninstrument? Oder wie viel Äusserlichkeiten verträgt die klassische Musik?

Aufreizend verpackt

Wer Äusserlichkeiten sucht, ist bei Yuja Wang an der richtigen Adresse. Ob vor oder hinter der Bühne: Die chinesische Pianistin mag lieber kurze und knallenge Röckchen statt lange und langweilige Roben.

Auf Twitter und Instagram zeigt sie sich dementsprechend offenherzig. An der Oberfläche bleiben aber leider auch ihre Posts. Die Chinesin empfiehlt zwar mal ihre klassischen Lieblingslieder, erwähnt des öfteren aber auch «Dolce Gabbana», «Roberto Cavalli» und dergleichen – mit Fotos von sich als Werbeträger. Auch auf sozialen Netzwerken gilt: Sex sells.

Alles nur Werbung?

Selbstdarstellung, Unterhaltung oder Promotion: Was auch immer klassische Musiker mit ihren Profilen bezwecken, Thomas Demenga erhofft sich von Twitter nur wenig: «Ich glaube nicht, dass deswegen mehr Leute an meine Konzerte kommen.»

Entsprechend spontan und erfrischend unkalkuliert wirken seine Tweets. Und doch: Egal, was klassische Musiker auf sozialen Netzwerken beabsichtigen. Ihre Profile bauen die Distanz zum Publikum ab, machen vielleicht klassische Musik einem jüngeren Publikum zugänglicher. Darin sieht nicht nur Demenga ein Potenzial für die klassische Musik.