Mary Lou Williams Karriere begann mit einem Kuss

Ihr Output hätte bequem für drei Karrieren gereicht: Mary Lou Williams war Pianistin, Komponistin, Arrangeurin und Lehrerin. So verwundert es nicht, dass zu Beginn ihrer Karriere ein Musen-Kuss stand. Nur die Gestalt der Muse überrascht: Sie war männlich, eher beleibt – und hiess Louis Armstrong.

Louis Armstrong hat Trompete gespielt wie ein Gott, und er wird sich auch mit dem Küssen nicht zurückgehalten haben. Die Geschichte von diesem einen Kuss aber hat mit Liebe weniger zu tun als mit Anerkennung und Respekt.

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Sendehinweis

Mary Lou Williams in den «Jazz Classics»:

Radio SRF 2 Kultur
6. Februar, 23.30 Uhr.

Kuss mit Langzeitwirkung

Mary Lou Williams war noch ein 15-jähriger Teenager, als sie bereits im Harlem’s Rhythm Club auftrat. Und da betrat eines Abends der grosse Louis Armstrong das Lokal und hörte der jungen Mary zu. Ging anschliessend zu ihr hin und, wie Mary Lou Williams es sagte: «He picked me up and kissed me.» Da hat man sofort den Grössenunterschied vor Augen, und es ist klar: Da gibt ein Vater einer Tochter einen Kuss.

Es ist, als ob Mary Lou Williams diese warme Geste von Anerkennung und Respekt ein Leben lang weitergegeben hätte. Als schwarze Frau in einer von Männern dominierten und rassistischen Umgebung – eine doppelte Leistung. Immer und immer wieder spielte sie mit jüngeren Musikern, war ihnen Inspiration, Mentorin und Freundin.

Grosse Meister waren ihre Schüler

Und die meisten dieser jungen Musiker sind heute als die grossen alten Meister des Jazz bekannt: Ob Dizzy Gillespie, Jack Teagarden oder Thelonious Monk – alle liebten es, bei ihr Unterricht zu bekommen oder auch einfach nur Musik zu spielen und Ideen auszutauschen. Alle waren sie fasziniert von der Energie, mit der sich Mary Lou Williams ein Leben lang einfach immer weiterentwickelte, sich ständig veränderte, neu erfand.

Auftritte im TV und im Weissen Haus

Sieben Personen um ein Klavier. Einer spielt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jack Teagarden, Dixie Bailey, Mary Lou Williams, Tadd Dameron, Hank Jones, Dizzy Gillespie, Milt Orent, NYC 1947. Wikimedia/William P. Gottlieb

Erste Erfolge unter eigenem Namen erzielte Mary Lou Williams mit zwei Solo-Aufnahmen, auf denen sie noch astreinen Rag-Time spielte: Die Unterhaltungsmusik der 1910er- und 20er-Jahre, mit diesem stampfenden Rhythmus in der linken Hand.

Sie spielte und arrangierte für die Swing-Band mit dem schönsten Bandnamen der 1930er- und 40er-Jahre: «Andy Kirk and His Twelve Clouds of Joy». Und sie entwickelte in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten ihren Stil konstant weiter: Sie vollzog von Rag-Time über Swing bis Bebop und sogar Free Jazz die Entwicklung der Jazz-Sprache über Jahrezehnte nach und betrieb daneben ein Label, komponierte viel Kirchenmusik, kümmerte sich um den Jazz-Nachwuchs und tritt im Fernsehen und im Weissen Haus auf.

Das Leben von Mary Lou Williams ist eine Erfolgsgeschichte, wenn auch sicher nicht frei von privaten und professionellen Rückschlägen. Und so soll sie denn auch am Schluss ihres Lebens gesagt haben: «I did it, didn’t I? Through muck and mud.»

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