Mashrou' Leila: Libanesische Tanzmusik in brisanten Zeiten

Sie kümmert sich nicht um Kategorien und geniesst im Nahen Osten Kultstatus: die libanesische Indie-Rock-Band «Mashrou' Leila». In ihren Songs drücken die Musiker das Lebensgefühl der jungen, urbanen Generation aus – fröhliche Musik mit politischen Texten.

Fünf junge Männer stehen am Strand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Band Mashrou' Leila steht für die offene Mentalität des Libanon. Mashrou' Leila

Baalbek, Libanon, Juli 2012. Durch den antiken Bacchus-Tempel pulsieren moderne Indie-Rock-Klänge. Unter imposanten, fast 2000 Jahre alten Säulen stehen die sieben Mitglieder der Beiruter Band Mashrou' Leila. Lead-Sänger Hamed Sinno hüpft mit dem Mikrofon auf der Bühne hin und her. Begeisterter Beifall aus dem Publikum.

Eine Band spielt in einem antiken Tempel, der farbig beleuchtet ist. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Indie-Rock im Bacchus-Tempel: Mashrou' Leila. Christina Caprez

Sinnos Texte sprechen den jungen, urbanen Konzertbesuchern aus dem Herzen. Der Mittzwanziger singt vom Alltag in einem kriegsversehrten Land, von seiner Liebe zu einem Mann, den er gern seinen Eltern vorstellen würde, vom Wunsch, im Libanon eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Terror auch im Libanon

Als ich Hamed Sinno gut zwei Jahre später im Zürcher Jazzclub Moods gegenübersitze, ist von dieser Aufbruchstimmung nicht mehr viel zu spüren. Der Libanon leidet unter dem Krieg im Nachbarland Syrien. Immer wieder kommt es auch in Beirut und anderen libanesischen Städten zu Bombenattentaten von Gruppen, die der einen oder andern Partei im syrischen Bürgerkrieg nahestehen.

Die IS-Terroristen unweit der Grenze bedrücken Hamed Sinno genauso wie andere Libanesinnen und Libanesen: «Es gibt viel Traurigkeit und Aggression, die Leute sind müde und niedergeschlagen.»

Slogans und Verschwörungstheorien

Die bedrückte Stimmung beeinflusst auch die Musik von Mashrou' Leila. «Wenn wir im Proberaum sind, versuchen wir zu vergessen – und schreiben darum momentan mehr fröhliche Musik, Musik zum Tanzen.» Harmlos sind die Texte des aktuellen Albums allerdings nicht.

Der Song «Lil Watan» («Für die Heimat») etwa handelt davon, dass libanesische Politiker versuchen, junge Leute mit Slogans und Verschwörungstheorien zum Schweigen zu bringen. «Sie nennen dich Verräter, wann auch immer du deine Heimat verändern willst», heisst es da.

Die globalisierte Welt als Heimat

Ein Mann mit Geige und ein Mann, der klatscht, stehen auf einer rot beleuchteten Bühne und schauen sich an. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Leadsänger von Mashrou' Leila Hamed Sinno (rechts) singt vom Wunsch, im Libanon eine neue Gesellschaft aufzubauen. Reuters

Was bedeutet «Heimat» denn für ihn? Hamed Sinno zuckt mit den Schultern. «Ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Viele Leute heute fühlen sich heimatlos – nicht nur in Beirut, Menschen auf der ganzen Welt. Sie fühlen sich wie Nomaden, sind in den Online-Netzwerken zu Hause. Meine Heimat, meine zweite Familie, ist vielleicht die Band. Natürlich sorge ich mich um die Zukunft Libanons, aber ich fühle mich nicht dadurch definiert.»

So wie Hamed Sinno geht es vielen jungen Libanesen: Junge Männer und Frauen, die zwischen Beirut und Paris, Kairo und New York aufwachsen, an der Uni postmoderne Theorien lesen und Popmusik hören.

Der Libanon lässt sich nicht einfach einordnen

Diese offene Mentalität ist typisch für den Libanon. Das Land ist von der Kolonialzeit unter französischer Herrschaft geprägt, die Schulen lehren mehr Französisch und Englisch als Arabisch. Junge Beirutis orientieren sich an den Trends aus Paris, London und New York. Doch die libanesische Gesellschaft ist tief gespalten.

«Es ist schwierig, nach Libanon zu schauen und nur eine einzige Kultur zu sehen», sagt Hamed Sinno. «Es gibt eine riesige Migranten-Community, 18 Religionsgemeinschaften, einen tiefen Graben zwischen Arm und Reich.»

Westliche Vorurteile

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Beiruter Elektrobeats

Eine weitere prominente Stimme der urbanen Jugend in Beirut ist Yasmine Hamdan. Ende der 1990er-Jahre wurde sie bekannt mit der Band «Soap Kills», die Elektrobeats mit orientalischen Melodien mischt. Heute ist Yasmine Hamdan als Solokünstlerin unterwegs. Am 15.11.2014 ist sie im Rahmen des Festivals «Transmundial» im Moods in Zürich zu Gast.

Diese Vielfalt wird in Europa oft übersehen. Dabei ist die Mischung verschiedenster Einflüsse gerade in der arabischen Musik nichts Neues. Klassische Musik und Popmusik aus dem Westen hat man sich in Kairo und Beirut längst angeeignet. Schon in den 1950er-Jahren gab es in diesen arabischen Hauptstädten eine rege Musikszene, die sich nicht um Kategorien wie «Orient» oder «Okzident» scherte. Musikkritiker aus Europa hingegen feiern Mashrou' Leila heute als erstaunliche und neue Mischung zwischen sogenannt westlichem Pop und orientalischer Tradition.

Für solcherlei Komplimente hat Hamed Sinno nur ein müdes Lächeln übrig: «Paradoxerweise passiert in Europa etwas Ähnliches wie bei den Islamisten oder konservativen arabischen Intellektuellen.» Die definierten nämlich alles «Westliche» als das «Andere», und das Gleiche passiere im Westen unter umgekehrten Vorzeichen.

Dabei sei Identität doch etwas Fliessendes, sagt Hamed Sinno: «Es gab schon immer einen Dialog zwischen verschiedenen Regionen der Welt. Und ich merke allmählich, dass ein Teil meines Jobs als Musiker im Nahen Osten auch ist, etwas zu dokumentieren. Zu beweisen, dass es diese Dinge schon immer gab.»