Mit «Birdman» schuf Antonio Sanchez ein neues Soundtrack-Niveau

Der vierfache Grammy-Gewinner Antonio Sanchez ist einer der bedeutendsten Schlagzeuger und Komponisten seiner Generation. Er ist in Mexiko aufgewachsen und trommelt seit seinem fünften Lebensjahr. Der 43-Jährige ist zu einem Pionier eines neuen Schlagzeug-Stils geworden.

Ein Mann mit kurzen dunklen Haaren sitzt an einem Schlagzeug und spielt konzentriert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Antonio Sanchez, der Drum-Virtuose – hier am Bologna Jazz Festival 2010. Getty Images

Antonio Sanchez ist international gefragt. Seine Drumsets sind auf Hunderten von Alben zu hören. Als Schlagzeuger ist er Partner an der Seite von Künstlern wie Chick Corea oder Gary Burton. In der Band von Pat Metheny, der er über 20 Jahre lang angehörte und in seinen eigenen Projekten hebt er das zeitgenössische Jazzschlagzeugspiel immer wieder auf ein neues Plateau.

Gespräch mit Antonio Sanchez

15 min, aus Jazz und World aktuell vom 08.09.2015

Soundtrack zu einem Oscar-Abräumer

Letztes Jahr sorgte der Soundtrack zu «Birdman» für Furore. Im Januar 2013 hat der Regisseur Alejandro Gonzales Iñárritu Antonio Sanchez gebeten, die Musik für den 2014 erscheinenden Film zu komponieren und solo einzuspielen.

«Birdman» – Psychodrama, Backstage-Film, bissige Branchensatire und präzise Charakterstudie: Ein langsam sinkender Hollywood-Star zieht 20 Jahre lang als Birdman im Superhelden-Kostüm Millionen von Zuschauern in die Kinos. Nun weigert er sich, diesen Helden weiter zu spielen, wird aber das Vogelmann-Image nicht mehr los.

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Neues Album «Meridiane Suite»

Seit 2007 veröffentlicht Antonio Sanchez eigene Alben. Nun ist «Meridiane Suite» erschienen, das er mit der Gruppe Migration aufgenommen hat. Inspiriert fürs neue Album hat ihn sein musikalischer Beitrag zu «Birdman» – ein ununterbrochener Bildfluss, in einem Zug aufgenommen. Ein einheitliches, organisches Werk schuf Antonio Sanchez erneut.

Minutiös, aber improvisatorisch

Antonio Sanchez kennt den Filmemacher Alejandro Gonzales Iñárritu schon lange und schätzt ihn sehr. Als Teenager hörte er im mexikanischen Radio seine Sendung «Magic Nights». Der Regisseur erklärt Sanchez, dass er eine Schlagzeug-Begleitung mit improvisatorischen und jazzigen Elementen erwartet. Das beherrscht Antonio Sanchez.

Zu realen Bildern improvisieren ist eine Herausforderung. Sanchez ist häufig am Filmset. Der Regisseur schildert präzise den Ablauf einzelner Szenen. Sanchez ist beeindruckt, wie der Regisseur vorgeht – minutiös, aber zugleich improvisatorisch. Auch der fertige Film fasziniert den Drummer: Er bildet eine organische Einheit, eine perfekte Symbiose aus Bild und Ton.

16 Schlagzeugsoli in einem Film

Antonio Sanchez kreiert eine einprägsame Filmmusik. 16 Schlagzeugsoli bringen das aufgewühlte Innenleben der Hauptfigur, gespielt von Michael Keaton, zum Klingen. Da der mexikanische Filmemacher keinen sterilen, reinen Sound haben will, bearbeitet Sanchez sein Schlagzeug mit Klebeband und stimmt es anders.

Dieser Soundtrack bringt dem mexikanischen Drummer eine Golden-Globe-Nominierung ein. Wahrscheinlich sei er nominiert worden, sagt er, weil die Filmmusik so anders als die üblichen Kompositionen sei: er allein mit seinem Drumset.

Sanchez ist wütend

Aber es verwundert ihn nicht, dass es nur bei einer Nominierung blieb. In Hollywood gewinnen seiner Meinung nach sowieso nur grosse Orchester. Die Oscar-Jury disqualifizierte den «Birdman»-Soundtrack mit der Begründung: In Birdman bediene sich der Regisseur bereits existierender Stücke von Tschaikowski und Rachmaninow. Dadurch trete die Originalmusik in den Hintergrund.

Antonio Sanchez ist wütend. Denn so blieb dieser Filmmusik eine zuvor als nahezu sicher geltende Oscar-Nominierung verwehrt, die vielleicht sogar zu einem Sieg geführt hätte.