Das Lucerne Festival präsentiert sich im Sommer erstmals unter der neuen Intendanz von Sebastian Nordmann. Heute wurde das Motto gelüftet: «American Dreams». Im aktuellen politischen Kontext verwundert diese Themenwahl. Was hat sich Sebastian Nordmann dabei gedacht?
SRF: Donald Trump sorgt noch und nöcher für Negativschlagzeilen. Ihr Motto steht da etwas schräg in der Landschaft. Wie kamen Sie in diesen Zeiten auf die Idee, das Lucerne Festival 2026 mit «American Dreams» zu betiteln?
Sebastian Nordmann: Das Motto entstand vor zwei Jahren, als Chefdirigent Riccardo Chailly und ich festgestellt haben, wie zentraleuropäisch unser Repertoire jeweils ist. Wir wollten also anlässlich des 250. Jubiläums der amerikanischen Verfassung einen Blick über den Tellerrand werfen.
Wir wollen keine parteipolitische Diskussion führen, sondern eine kulturpolitische.
Das Motto «American Dreams» steht im Plural: als Vielfalt der Träume, wie sie die Komponisten und Komponistinnen im 20. Jahrhundert hatten.
Sie sprechen die Unabhängigkeit der USA an, das ist ja ein sehr politisches Thema. «American Dreams» mutet doch sehr verharmlosend an…
Ich finde es wunderschön, über Träume zu reden, weil sie sich in die Zukunft richten. Wir wollen keine parteipolitische Diskussion führen, sondern eine kulturpolitische. Ich habe noch erleben dürfen, wie Leonard Bernstein sagte: «Let's make music as friends». Und so sehe ich auch unseren Auftrag: Wir wollen Brückenbauer sein.
Die Idee ist, dass wir diese ganzen grossartigen Musikerinnen und Musiker aus den USA einladen.
Sie haben gesagt, Sie wollen nicht parteipolitisch sein. Aber momentan geht es ja darum, dass die Demokratie auf dem Spiel steht, dass in den USA ein Präsident an der Macht ist, der sich nicht an Regeln hält. Das beschäftigt sicher auch die Künstlerinnen und Künstler. Ist es nicht etwas eigenartig, diese Situation nicht zu thematisieren?
Die Idee ist, dass wir diese ganzen grossartigen Musikerinnen und Musiker aus den USA einladen. Was sie dann hier machen, ist ihnen überlassen. Aber uns ist wichtig, dass sie kommen und wir uns Gedanken machen, in welchem Verhältnis wir zueinander stehen.
Sind denn Diskussionen geplant?
Bis jetzt nicht, wir werden keinen Kongress oder ein offizielles Podium veranstalten. Ich halte das so ein bisschen wie George Gershwin, der gesagt hat: «Life is like Jazz, you only have to know how to improvise.»
Mit der Schriftstellerin, Lyrikerin und Aktivistin Amanda Gorman haben Sie eine sehr politische Künstlerin eingeladen.
Sie hat damals bei der Inauguration von Joe Biden so wunderbar nach vorn geschaut, humanistisch und demokratisch, verwurzelt in der Verfassung von 1776. Sie wird ihre Poems lesen und Jan Vogler wird dazu Bachs Cellosuiten spielen. Es ist mir wichtig, so in den Austausch zu kommen.
War es intern ein Thema, dass das Motto «American Dreams» polarisieren könnte?
Ja, hoffentlich. Polarisierung ist der Inbegriff der Kultur. These und Antithese führen zu einer Synthese. Wir alle wollen doch, dass diskutiert und nicht nur partizipiert wird, indem man zuhört.
Das Gespräch führte Tuuli Stalder.