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Musik für Alle «Nichts ist menschlicher als Musizieren»

Mehr als 300'000 Schweizerinnen und Schweizer musizieren in Laienchören, Amateur-Orchestern und Hobby-Bands. Welche Rolle spielen sie für unser Musikleben?

Menschen singen im Kunstmuseum Basel
Legende: Der bâlcanto-Chor improvisiert in ungewohnter Akustik und an ungewohntem Ort: im Kunstmuseum Basel. ZVG / Gare du Nord, Paula Reissig

Der ganze bâlcanto-Chor kichert. Die Geräusche, die die Hobby-Sängerinnen und -Sänger mit ihren Stimmen machen, sind ihnen noch ungewohnt. Sie lernen gerade, frei zu improvisieren – und die Stimm-Performerin Jeannine Hirzel hilft ihnen dabei.

«Looping Journey», Link öffnet in einem neuen Fenster heisst das Projekt. Dabei werden drei Basler Laienchöre zu Komponier-Kollektiven: Sie lernen, frei zu improvisieren. Als Inspiration dienen ihnen dabei Gemälde im Kunstmuseum Basel, der öffentliche Raum und sogar der Rhein.

Später bringen sie ihre Improvisationen zu Papier. So entstehen neue, zeitgenössische Kompositionen – von Laienchören, für Laienchöre.

Nächste Veranstaltung «Looping Journey»

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Die nächste Veranstaltung, Link öffnet in einem neuen Fenster ist am 11.6.2018 um 19.00 Uhr, improvisiert wird am Rhein.

«Laien stehen der Musik viel offener gegenüber»

Dass solch ein innovatives Projekt nicht mit professionellen Chören durchgeführt wird, hat seine Gründe: «Es wäre viel komplizierter. Profi-Sängerinnen und -Sängern haben oft an das Endprodukt besondere professionelle Ansprüche», sagt Jeanine Hirzel.

Und Chorleiterin Abélia Nordmann ergänzt: «Laien gehen viel unvoreingenommener an so ein Projekt heran. Sie stehen der Musik viel offener gegenüber – deshalb ist für uns Profis die Begegnung mit Laien oft sehr heilsam.»

In der Schweiz gibt es etliche Hobby-Musikerinnen und -Musiker. In den 2000 Blasmusikvereinen, 1500 Laienchören, 800 Jodler-Formationen und 200 Amateur-Orchestern sind ca. 150'000 Menschen organisiert. Hinzu kommen all jene, die Musik ohne Verein machen.

Und all die musikalischen Fasnächtler und die Pop-, Rock- und Blues-Bands. Nicht alle sagen aus Überzeugung, dass die Musik ihr Hobby sei – denn für manche ist die Musik viel mehr als das.

«Das autodidaktische Lernen führt einen tief zu sich selbst»

Zum Beispiel für George Hennig. Der Basler ist studierter Sozialpädagoge – und Popmusiker. Seit Kindesbeinen an. Er spielt in der Band «The Zodiacs», komponiert und mischt Songs, singt und spielt E-Gitarre. All das hat er sich selbst beigebracht.

sw-Foto, vier Musiker in einem Hinterhof
Legende: Für George Hennig (zweiter von links) geht seine Liebe zum Musizieren weit über das Wort «Hobby» hinaus. ZVG / George Hennig

Bis zu seiner Pensionierung war Hennig als Jugendarbeiter tätig – für ihn ein schöner Beruf, aber ganz klar: ein Brötchenjob. Aus diesem Grund sein musikalisches Engagement als Hobby zu bezeichnen, kommt für ihn aber nicht in Frage.

«Das autodidaktische Lernen führt einen so tief in einen selber rein, und lehrt einen so viel über das Leben – das ist so etwas umfassendes, dass die Begrifflichkeit Hobby einfach zu kurz greift», sagt Hennig.

Ob ein Song ein Hit wird, hat nichts mit der Ausbildung zu tun

So wie ihm geht es vielen. Im Rock- und Pop-Bereich ist die Grenze zwischen Amateuren und Profis viel fliessender als in der Klassik. Etliche Pop-Stars waren und sind Autodidakten; eine professionelle musikalische Ausbildung hat meist wenig Einfluss darauf, ob es ein Song in die Hitparade schafft.

Die meisten Schweizer Bands können von ihrer Musik nicht leben, die Bandmitglieder verdienen ihren Lebensunterhalt mit anderen Berufen. Dennoch wird ihre Musik hochprofessionell produziert und aufgeführt.

Damit mehr Bands von ihrer Musik leben können, dafür müssten die Zahnräder im Betrieb besser ineinander greifen, sagt Hennig: «Die Schweizer Radiostationen spielen fast nur Mainstream, und die Schweizer Festivals laden internationale Bands ein statt Schweizer Bands – die dafür in der Schul-Aula spielen dürfen. So lässt sich natürlich keine Karriere absolvieren», ist Hennig überzeugt.

101 Musikerinnen und Musiker aus 30 Ländern

Musik als Hobby – das ist kein westeuropäisches Phänomen, wie vor wenigen Wochen in Berlin zu erleben war. Die Berliner Philharmoniker haben Laienmusikerinnen und -musiker aus der ganzen Welt eingeladen, um einmal mit ihnen die Plätze zu tauschen.

Und unter ihrem Chef-Dirigenten Sir Simon Rattle in der Berliner Philharmonie die 1. Sinfonie von Johannes Brahms zu spielen.

Sir Simon Rattle musiziert zusammen mit den Berliner Philharmonikern und Laienmusikern
Legende: Sir Simon Rattle musiziert zusammen mit den Berliner Philharmonikern und Laienmusikern. ZVG / Monika Rittershaus

2000 Menschen sind diesem Aufruf gefolgt, 101 Musikerinnen und Musiker wurden anhand der Video-Bewerbungen ausgewählt – sie kamen aus 30 Ländern, waren zwischen 10 und 75 Jahre alt, und vom Briefträger über die Pilotin, den Primarschullehrer und die Ärztinnen und Ingenieure waren etliche Berufe vertreten.

«Musik ist für alle da»

Geprobt wurde mit Sir Simon Rattle und mit Stanley Dodds. Warum arbeiten so gestandene Profis ausgerechnet mit Laien? «Die Laien-Musikerinnen und -Musiker treffen sich, um Musik zu machen – einfach, weil sie es lieben», sagt Stanley Dodds.

«Und sie haben eine sehr reine und unverdorbene Beziehung zur Musik. Davon können wir Profis viel lernen.» Und Sir Simon Rattle findet: «Wir gehören derselben Gemeinschaft an – Professionelle, Amateure, Alte, Junge – Musik ist für alle da.»

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