Na bravo! Eine kurze Geschichte des Buhrufs

Es kann das letzte Wort sein: im Theater, im Konzert. Haben Sie schon mal buh gerufen, wenn Ihnen eine Aufführung überhaupt nicht gefallen hat? Der Buhruf ist ein zeitloses Phänomen. Und ein eigenartiges dazu. Eine Bestandsaufnahme.

Ein Mann hinter einem Mikrophon, sein Hemd ist übersät mit Tomatenflecken. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Man könnte auch faule Tomaten werfen. Aber der klassische Buhruf ist immer noch ein gutes Stück billiger. Getty Images

Aggressionsabfuhr für die Absender, Frustration für die Empfänger. Buh. Einzeln oder im grossen Chor als eine Art Eulen-Sinfonie. Es kann auch nach Rinderherde klingen, nach Schafen oder Tauben. Warum tun die Leute das?

U wie unschlagbar

Zunächst zum Laut. Warum buh und nicht bah, beh, oder bih? Bäh, büh oder böh, beu, bei, oder bau? Moment, das geht sogar: «Au» gibt es und gab es früher ziemlich oft: im lautmalerischen Katzenruf miau, wenn die Leute sich über die sängerischen Leistungen auf der Bühne lustig gemacht haben.

Der Buhruf

3:30 min, aus Kultur kompakt vom 24.05.2016

Davon ist nicht mehr viel übrig, buh war stärker. Weil der dunkle Vokal U weit tragen kann, weit über die Köpfe hinweg. So sind die beiden dunklen Vokale, das U und das O, reserviert für das Missfallen und für den Beifall. Die Buhrufer verharren auf dem langen U, die Bravo-Schreier im Konzert verharren auf dem langen O.

Kulturelle Differenzen

Wann und warum wird gebuht? Wenn das Publikum meint, die Leistung da oben auf der Bühne sei arg schwach, die Künstler und Künstlerinnen hätten nicht alles gegeben, hätten das Publikum auf den Arm genommen.

Wo wird gebuht: In Japan überhaupt niemals. In Amerika nie im Konzert, aber besonders gern im Sport. Im Mannschaftssport, vor allem im Baseball – da kommen mal einzelne Spieler dran, eine ganze Mannschaft, ein Foul, ein langweiliges Spiel. Kann man alles ausbuhen.

In Europa? Auch sehr gern im Sport, im Fussball vor allem. Dagegen im Konzert? Selten. Bei Uraufführungsfestivals wie in Donaueschingen wird schon mal ein Komponist ausgebuht, aber das ist so gut wie nie der Fall, wenn eine Uraufführung im normalen Aboprogramm versteckt ist.

Im Theater? Oft und gern. Im Musiktheater? Sehr gern. Siehe Zürich, München, Berlin, Bayreuth. «Da gehört es dazu», sagt ein Sänger, der namentlich nicht genannt werden will. «Aber es hat nichts zu bedeuten.»

Balsam für die Seele

Das sehen natürlich nicht alle so: Für den Dirigenten Daniel Barenboim ist das Buhen ein absolutes Unding. «Wenn Sie in ein sehr gutes Restaurant gehen und das Essen gefällt Ihnen nicht», zieht Barenboim einen Vergleich, «gehen Sie dann in die Küche und schreien den Koch an?»

Regisseur Leander Haussmann nimmt‘s gelassen. «Ich finde», sagt er, «wir kriegen auch ein ganz gutes Schmerzensgeld, übrigens grosse Sänger auch. Da kann man das Buh nachher auch wegstecken.» Und Regisseur Frank Castorf braucht sogar das Buh. Als Seelenbalsam. Dann fühlt er sich erstens bestätigt und kann zweitens von der Bühne herunter zurückpöbeln. Der Buhruf hat etwas Verlässliches. Ist die Regie zu bieder: buh. Ist sie für das Stammpublikum nicht angemessen, weil sie die Musik vermeintlich kaputt macht: buh.

Es ginge auch anders

Es wird bleiben, das Buh. Obwohl es Alternativen gäbe: Eier und faule Tomaten werfen (eher bei ungeliebten Politikern beliebt), pfeifen (im Sport gern genommen), zischen (macht man eigentlich schon lang nicht mehr), und dann natürlich grölen und auslachen und nachäffen (war in früheren Zeiten recht beliebt). Aber ob das besser ist.