Nina Hagen bleibt ein Ereignis. Seit den späten 1970er-Jahren gilt sie als Punk-Ikone, als schrille Grenzgängerin zwischen Oper, Rock, Kabarett und politischer Provokation. Doch wer ihr Werk verfolgt, weiss: Hinter der exzentrischen Bühnenfigur steckt eine spirituelle Künstlerin. Hagen ist bekennende Christin, steht der Institution Kirche sehr kritisch gegenüber und liebt Gospelmusik.
Nun, 15 Jahre nach der Veröffentlichung ihres letzten Albums «Personal Jesus», kehrt sie mit «Highway to Heaven» zurück: ein buntes musikalisches Potpourri, wie man es nicht anders von ihr erwartet.
Hommage an Rosetta Tharpe
Der Albumtitel ist kein Wortspiel mit «Highway to Hell» der Rockband AC/DC, wie man im ersten Moment vermuten könnte, sondern referiert auf den Titel eines Gospel-Songs der US-amerikanischen «Godmother of Rock’n’Roll», Sister Rosetta Tharpe, aus den 1940er-Jahren.
Den Song hat Nina Hagen eher zufällig entdeckt, erzählt die 71-Jährige im Interview: «Wir wollten das Album ‹Highway to Heaven› nennen, doch es gab leider keinen Song auf dem Album mit diesem Titel. Nach einer kleinen Internetrecherche fand ich heraus, dass Rosetta Tharpe einen Song namens ‹Highway to Heaven› gesungen hat – dabei dachte ich, ich kenne alle ihre Stücke. Ich habe mich riesig gefreut. Mein Gott – du bist aber reich.»
Bauklötze gestaunt
Das einzige deutschsprachige Lied des Albums, eine Übersetzung von «Everybody Wants to Go to Heaven», ist einer weiteren wichtigen Stimme für Nina Hagen gewidmet: Bertolt Brecht. Schon mit elf Jahren sass Nina Hagen regelmässig im Berliner Ensemble und hat sich sämtliche Brecht-Theaterstücke angeschaut und – in ihren Worten – «Bauklötze gestaunt und biblische Wahrheiten gehört».
Sein Werk hat sie durch ihre ganze Bühnenkarriere begleitet. Sie veranstaltet immer wieder Brecht-Abende, verarbeitet seine Texte und zitiert ihn gern als künstlerischen Kompass.
Blues, Rock und Reggae
Auf «Highway to Heaven» zeigt Hagen erneut ihren ganz eigenen Stilmix. Sie verbindet Blues, Rock und Reggae zu einem Potpourri, das nur sie so zusammenbringen kann. «Diese musikalische Breite gibt es mein Leben lang schon. Ich habe auch Swing-Musik gemacht und alte deutsche Schlager gesungen, eigene Lieder auf Englisch und auf Deutsch – alles gemischt.» Das Album klingt wie Nina Hagen: humorvoll und bunt.
Hagen versteht Gospel als Ermutigungskunst und geniesst dabei die künstlerische Freiheit, die ihr dieses Genre bietet: «Im Gospel macht man keine Covers», sagt sie, «man macht die Songs zu seinen eigenen und ist gleichzeitig Teil dieses grossen christlichen Gospelchors.» Genau das tut sie: Sie verwandelt Klassiker in persönliche Bekenntnisse. Die Songs sollen aufrichten, trösten und wachrütteln.
Da kommt noch mehr
Nina Hagen denkt nicht ans Aufhören – im Gegenteil: Sie arbeitet bereits voller Elan am nächsten Album. Parallel dazu sind ein Biopic und eine grosse Dokumentation über ihr Leben und Werk in Planung. Eine Tour ist derzeit zwar nicht vorgesehen, doch wer Hagen kennt, weiss: Sie bleibt in Bewegung.
Die Presse reagiert gemischt auf das neue Album. Die Musik ist zwar nicht wirklich neu und wirkt hier und da etwas verstaubt, fängt aber eine junggebliebene Künstlerin ein, die mit viel Spass und Spirit Musik macht.