Raphaël Cendo macht Musik, die ans Lebendige geht

In der Musik von Raphaël Cendo werden die Klänge ins Extrem getrieben – weit entfernt von Intellektualismus: Den Franzosen beschäftigen die ganz grossen Themen wie Anfang und Ende der Welt. Dabei bewegt er sich immer weiter weg von der «musique saturée», die er einst mitbegründet hat.

Porträt eines Mannes mit schwarzem Mantel und Hut. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Die Musik soll etwas in uns verändern» sagt der Komponist Raphaël Cendo. Jean Radel

Ist diese Musik komponiert oder doch eher improvisiert? Die Frage stellt sich unwillkürlich, wenn man Raphaël Cendos Stück «Charge» für sieben Instrumente und Elektronik hört. Kann man derart rohe, ungeschliffene, in sich ständig aufbrechende Klänge überhaupt komponieren und notieren? Wirkt andererseits die Musik dann doch nicht zu präzis und konsistent für eine Improvisation?

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Raphaël Cendo

Geboren am 26. Februar 1975 in Frankreich. Studium an der École Normale de Musique de Paris, am Conservatoire National Supérieur de Paris und am Ircam. Zusammen mit Franck Bedrossian hat er den Begriff der «musique saturée» geprägt.

Der Komponist Raphaël Cendo nickt. Er kennt diese Ambivalenz. Er nimmt sie in Kauf, denn es ist sein Ziel, dass die Klänge bis zum Äussersten gehen. Er will, dass sie gleichsam übers Ziel hinausschiessen und ausser Kontrolle geraten. Es ist hochenergetische, getriebene Musik.

Zusammen mit seinem Komponistenkollegen Franck Bedrossian hat Cendo dafür einen eigenen Begriff erfunden: Die «musique saturée», gesättigte Musik. Die Klänge werden so sehr mit Energie angereichert und aufgeladen, dass sie ex- oder implodieren und eine ungeheure Energie entwickeln. Man ist geneigt, eine Ausdrucksweise aus der Atomphysik zu übernehmen: Diese Klangwelt ist angereichert, hochangereichert.

Eine existentielle Erfahrung

Das Ohr kann sich in dieser Klangwelt zuweilen kaum orientieren. Es wird von einem sehr körperlichen Gefühl mitgezogen, in oft horrender Geschwindigkeit, mit Überdruck gleichsam. «Dabei aber möchte ich über die Musik hinausgelangen zu einer menschlichen Erfahrung. Die Musik soll etwas in uns verändern», sagt der 1975 geborene Cendo.

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Bildlegende: «In Vivo» für vier Streicher. Raphaël Cendo

Wie in der romantischen Orchestermusik, wie bei Beethoven oder Gustav Mahler, wird der Hörer dabei in eine existentielle Erfahrung hineingestürzt, die ihn auch körperlich mitnimmt. Von Intellektualismus ist diese Musik weit entfernt: Sie berührt uns unmittelbar, sie rüttelt gleichsam an uns, sie geht ans Lebendige.

Raphaël Cendo möchte freilich nicht nur einen musikalischen Big Bang auslösen. Er möchte sein Universum auch expandieren lassen. Und so hat er sich im Lauf der letzten Jahre auch ein wenig von dieser Saturation wegbewegt, die in Frankreich bereits zu einem stehenden Begriff in der Musik geworden ist.

Cendo beschäftigen die ganz grossen Fragen

2009 komponierte er ein Werk über die Johannes-Apokalypse, die vom Ende der Welt erzählt. Und in Donaueschingen präsentierte er ein Stück für 16 Instrumentalisten, 30 Sänger und Live-Elektronik. In «Registre des lumières» geht es um die Entstehung der Welt, um die ersten Menschen und den Beginn der Zivilisation.

Grosse Themen gewiss, aber solche Geheimnisse beschäftigen den Komponisten: «Ich glaube nicht an Gott, aber es gibt da etwas, das sich mir entzieht, ein Geheimnis über das Leben, über die menschlichen Beziehungen, etc. Wenn ich so oft von diesem Ausser-Sich-Sein spreche, so möchte ich damit dieses Geheimnis in eine Schwingung bringen. Mehr als das Wort ist die Musik fähig, uns etwas davon spüren zu lassen.»

So entstand ein neues, fast einstündiges Werk, das uns auf eine kosmische Reise mitnimmt. Wohin wohl wird der Weg von Raphaël Cendo weiter führen?

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