Ray Charles und die Aufnahme, die es so eigentlich gar nicht gibt

Als Ray Charles 2006 mit der Count-Basie-Band singt, ist er schon seit zwei Jahren tot. Ein Zombie-Film für Jazz-Freaks? Aber nein: Höchstens ein kleineres Wunder der Technik – und geniale Musik.

Ray Charles in Aktion. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Aber es muss frisch klingen!» Ray Charles 1997 während eines Auftritts am Jazzfestival Montreux. Keystone

Im Jahr 2004 stirbt der grosse Ray Charles. Der Sänger und Pianist, der für die Geburt des Soul steht. Mit seinen Aufnahmen aus den 1950er- und 1960er-Jahren hat er ein Jahrhundertwerk geschaffen und bis zu seinem Tod ein Millionen-Publikum live begeistert.

Ein Fund mit Folgen

Im Jahr 2004 wird aber auch das Label Fantasy Records von Concord Records übernommen. In den Kellern von Fantasy Records findet Concord-Produzent John Burk ein Tape, angeschrieben mit «Ray/Basie».

Die Basie-Band und Ray Charles? Das hatte es noch nie gegeben. Auf der Platte «Genius+Soul = Jazz» spielte 1960 zwar die Big Band von Count Basie, Count Basie selber aber nicht. War es also möglich, dass diese Aufnahme von 1973 eine Sensation war?

Leider nein. Der Concord-Produzent geriet zwar kurz aus dem Häuschen – musste dann aber feststellen: «Ray/Basie», das waren zwei Auftritte hintereinander. Zuerst die Basie-Band, dann Ray Charles.

Auf den Aufnahmen von Ray Charles war die Band denkbar schlecht aufgenommen, da war fast nur die Stimme von Ray Charles zu hören. Die Aufnahmen waren unbrauchbar. Wirklich?

Das Count Basie-Orchester begleitet in Montreux einen Vibraphonisten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Basie-Band – hier mit Freddie Green und Milt Jackson. Keystone

Eine verrückte Idee

Als nächstes rief Concord-Produzent John Burk einen alten Freund an: Gregg Fields. Ein Schlagzeuger, der in den 1980er-Jahren noch mit der Count-Basie-Band gespielt und auch für Ray Charles getrommelt hatte.

Er sagte ihm: «Hör zu, ich habe eine verrückte Idee. Könnten wir zu den Vocal-Tracks von Ray Charles die Big Band neu dazu einspielen?»

Gregg Fields meinte: «Klar! Aber es muss frisch klingen.» Und er startete die Anfrage an die aktuelle Count-Basie-Band. Die hatte auch nach dem Tod von Count Basie 1984 immer weiter gemacht. Und swingte dem Teufel nach wie vor ein Ohr ab.

Geniales Flickwerk

Allerdings war auf den Bändern von 1973 hinter Ray Charles immer leise die damalige Band zu hören. Da musste die neue Band das Arrangement peinlich genau nachspielen. Immer wenn Ray Charles nicht sang, hatte die Basie-Band alle Freiheiten. Sie konnte neue Arrangement-Ideen umsetzen oder Soli spielen.

Was nach einem technischen Flickwerk tönt, stellt sich in der Umsetzung als Genie-Streich heraus. Ray Charles ist in unglaublicher Form, seine Stimme ist auf dem Höhepunkt, hat haufenweise Soul und ist perfekt phrasiert.

Und dank der neuen Studio-Technik tönt die Aufnahme richtig fett und frisch. Der Ray-Charles-Biograf David Ritz hält die Aufnahme «Ray Sings, Basie Swings» für die «möglicherweise beste Aufnahme» von Ray Charles.

Nicht schlecht für ein totes Genie.

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