Robert Zollitsch: In China erneuert er als Lao Luo die Musik

Lao Luo gilt als Erneuerer der chinesischen Musik. Seine Kompositionen verbinden traditionelle chinesische Musik mit Kammermusik und Pop und sind in grossen Konzertsälen Chinas wie in Fernsehshows zu hören. Ungewöhnlich daran: Lao Luo heisst eigentlich Robert Zollitsch und kommt aus Deutschland.

Robert Zollitsch legt seine Hand auf Linna Gongs Schulter. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sowohl privat wie auch musikalisch ein passendes Duo: Linna Gong und Robert Zollitsch. ZVG

In China kennt man Sie nur unter Ihrem chinesischen Namen Lao Luo. Was bedeutet er?

Robert Zollitsch: Die direkte Übersetzung von Robert ins Chinesische klang immer etwas holprig. Deswegen begannen mich meine chinesischen Freunde «Lao Luo» zu nennen. Ich habe dann noch ein Schriftzeichen hinzugefügt – eines, das für das chinesische Schlaginstrument Gong steht. Damit war allen klar, dass ich Musiker bin.

Wie begann Ihr Weg zu einem der bekanntesten Komponisten in China?

Er war eigentlich ein Umweg. Ich bin nicht aus reiner Faszination nach China gegangen, sondern weil ich es verwunderlich fand, dass es auf der Weltbühne noch keinen chinesischen Klang gab. Vor 23 Jahren hatte ich gerade meinen Abschluss an der Hochschule der Künste in Berlin gemacht und war als Zitherspieler in der Weltmusikszene aktiv. Ein Studium der chinesischen Zither Guqin in Shanghai war dann die perfekte Horizonterweiterung.

Wie reagierten die chinesischen Musikerinnen und Musiker auf Sie, als Sie anfingen, die Guqin zu spielen und chinesische Musik zu komponieren?

In den ersten Jahren hiess es schon: «Für einen Ausländer ist das gar nicht schlecht.» Aber inzwischen bin ich hier vollkommen in die Kulturszene integriert und werde als chinesischer Komponist wahrgenommen. Meine Kompositionen gelten in China als innovativ, denn ich mache den Brückenschlag zwischen traditioneller chinesischer Musik und dem globalen 21. Jahrhundert.

War Ihre Sonderposition als Deutscher in China nie eine Hürde?

Nein, der Aussenblick war für mich eher ein Vorteil. Denn weil nichts selbstverständlich war, hatte ich immer zwei grosse Fragezeichnen in den Augen und Ohren und war gezwungen zu lernen. Durch meine Sonderposition war ich auch freier: Ich konnte leichter das Wort erheben, ohne Bedenken haben zu müssen, wem ich dabei auf die Füsse trete.

Sie erheben zum Beispiel immer wieder das Wort, wenn es um die Situation der chinesischen Musikszene geht. Was kritisieren Sie genau?

Ich kritisiere, dass in der Musik eine eigenständige Stimme fehlt, die das China des 21. Jahrhunderts repräsentiert. In China speist sich heute das kulturelle Selbstbewusstsein vor allem aus der Anerkennung im Ausland. Und sowohl die Popmusik als auch die klassische Musik orientieren sich stark am Westen.

Wie begründen Sie dieses schwierige Verhältnis zur eigenen Musik?

Es gab in der chinesischen Geschichte so viele Brüche, Verwerfungen und Veränderungen. Vereinfacht gesagt: Lange war China das Zentrum der Welt und dann kamen die Europäer und haben dieses Selbstbewusstsein einer reichen und alten Kultur zertrümmert. Jetzt stehen die Chinesinnen und Chinesen vor einem Scherbenhaufen und haben keine Idee, wie sie den wieder zusammensetzen sollen.

Ein Beispiel?

Der Westen hat die starren Genregrenzen eingeführt und die Trennung zwischen E- und U-Musik – ernste Musik und Unterhaltungsmusik. Solche Abgrenzungen gab es in China in dieser Form gar nicht. Deswegen wäre es jetzt an der Zeit, sich von diesem importierten Schubladendenken zu befreien. Denn im Grunde hätten wir in China eine schöne offene Fläche, auf der experimentiert werden kann.

Sie nutzen diese Experimentierfläche mit grossem Erfolg. Zum Superhit wurde 2006 Ihr Lied «Tan Te», dass Sie für Ihre Frau, die Sängerin Linna Gong, geschrieben haben. Wo ist er hier, der Brückenschlag zwischen traditionell und modern?

Linnas Gesangstechniken stammen aus alten chinesischen Opernformen. Das Moderne ist die Dramaturgie des Liedes, die sich zu einem Höhepunkt hinbewegt – das ist in der chinesischen Musik sonst eher unüblich.

Wenn Sie solche Techniken kombinieren, wie vermeiden Sie es, in Klischees chinesischer Musik abzurutschen?

Mein Gedächtnis spielt da eine grosse Rolle, mein Gedächtnis ist ziemlich schlecht. Und das führt dazu, dass ich in meinen Werken nicht zitiere, sondern das Gehörte automatisch zu meiner eigenen Musiksprache verarbeite. Aufpassen muss ich natürlich, dass ich mich nicht klischeehaft selbst wiederhole.

Was bedeutet es heute in China Komponist zu sein?

Es gibt immer wieder Kompositionsaufträge von chinesischen Orchestern, der Bedarf ist ungemein gross. Aber es gibt keine Tantiemen und keinen funktionierenden Urheberschutz. Insofern bin ich in der glücklichen Position, dass meine Frau in China sehr bekannt ist und ein vernünftiges Einkommen hat.

Sie beide arbeiten im Team, und Sie schmücken in China als Traumpaar die Titelseiten der Boulevardzeitungen. Hat der Hype nur mit ihrer Musik zu tun?

Nicht nur. In China haben die Leute in allen Bereichen ganz bestimmte Vorbilder. Meine Frau und ich sind als berühmtes Ehepaar von medialem Interesse, weil wir vorleben, wie man sich als Paar austauscht, wie man gleichberechtigt miteinander zusammenarbeitet und lebt. Es ist schön, die Menschen auch auf diese Weise zu erreichen.

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