Sakraler Surround-Sound früher und heute

In Basel spürt das Festival ZeitRäume dem Wechselspiel zwischen Musik und Architektur nach. Zum Eröffnungskonzert im Münster wird eine Raumkomposition des Briten James Clarke uraufgeführt, unter anderem mit iPhones. Das klingt modern, ist aber als Kompositionstechnik Jahrhunderte alt.

Musiker und Chor im Innern der Kirche. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zeitversetztes Singen erfüllt einen Kirchenraum wie den des Basler Münsters mit einem Surround-Effekt wie im Kino. Festival ZeitRäume

Venedig, Markusdom, 1600: 40 Sänger, aufgeteilt in drei Chöre stehen im Kirchraum verteilt, vorne im Schiff und oben auf den Orgelemporen. Anfangs setzt ihr Gesang gleichzeitig ein, dann beginnen sich die Chöre abzuwechseln: singen zeitversetzt, fallen einander ins Wort. Die Wirkung ist gewaltig: Der Klang erfüllt die ganze Basilica, ein Surround-Effekt, wie wir ihn heute aus dem Kino kennen.

Zusatzinhalt überspringen

Konzerthinweis

Konzerthinweis

Das Festival ZeitRäume, die Biennale für Neue Musik und Architektur, bespielt vom 10. bis zum 13. September über 20 Orte in Basel mit Uraufführungen, Klanginstallationen und Performances. Das Eröffnungskonzert Raumklang am 10. September um 20 Uhr im Münster wartet mit zwei Uraufführungen auf.

Die Architektur als Teil des Komponierens

«Venezianische Mehrchörigkeit» heisst diese Innovation aus der späten Renaissance. Eine Zeit, in der die Zentralperspektive wieder entdeckt wird und der Mensch in den Mittelpunkt der Künste rückt. Giovanni Gabrieli, der Komponist und Kapellmeister am Markusdom, hat diese Technik zur Perfektion und von Venedig nach ganz Europa gebracht. Die Musik sollte in nahezu kosmischen Dimensionen strahlen, alle Sinne ansprechen und die Architektur der Kirche zu einem integralen Teil des Komponierens machen.

Basel, Münster, 2015: 300 Sängerinnen und Sänger, aufgeteilt in sechs Chöre stehen im Kirchenraum verteilt, vorne und hinten, und oben auf den Emporen. Die Sängerinnen und Sänger sind Schüler von sechs Basler Gymnasien. Sie singen dissonante Klangflächen und kreieren damit eine eindrückliche Klangwolke, die ähnlich wie bei Gabrielis Mehrchörigkeit im Surround den ganzen Kirchenraum erfasst.

Schwarmverhalten im Münster

Der britische Komponist James Clarke möchte mit seiner Raumkomposition für acht Posaunen und Schüler den Bezug zu Giovanni Gabrieli aber nicht ausreizen. Und auch dem Kirchenraum, der mit einer klaren Funktion und langen musikalischen Tradition aufgeladen ist, will er möglichst neutral begegnen: «Ich versuche ihn in erster Linie als ein Stück Architektur wahrzunehmen, als ein beeindruckendes Kunstwerk, das auch unabhängig von seinem religiösen Kontext und seiner musikalischen Geschichte existiert.»

Seine Raumkomposition hat Clarke auf das Basler Münster massgeschneidert. Sein Ansatz unterscheidet sich von Gabrieli: Er spielt mit sich überlagernden Echos, so dass das Publikum die Klänge nicht mehr genau orten kann und in eine riesige Klangwolke eintaucht. Diesen Effekt hat sich Clarke von der Natur abgeschaut: «Bei Zikaden oder Vögeln multiplizieren sich Einzelklänge zu Schwarmgeräuschen. Das einfachste Beispiel ist der Regen: Nie hört man einen einzelnen Regentropfen, sondern nur ein grosses Rauschen.»

Mehrchörigkeit heute

Der Schulchor vom Basler Gymnasium Leonhard ist einer von sechs Chören, die bei der Uraufführung im Münster dabei sind. Bei der Probe wird klar, wie viel Präzision und Konzentration die Klangwolke den Schülern abverlangt. Denn sie besteht keinesfalls nur aus Gesang: auch exakt getimte Stimmgeräusche, Jauchzer und Händeklatschen hüpfen durch die Reihen des Chores. Später verdichten sich glockenartige Töne, welche die Sängerinnen und Sänger durch das Reiben an Weinglas-Rändern erzeugen.

Passage mit iPhones aus dem Stück von James Clark

0:46 min, aus Musik unserer Zeit vom 19.08.2015

An einer Stelle zücken die Jugendlichen ihre Smartphones. Nicht aus Langeweile, sondern weil es die Partitur von Clarke so vorschreibt: Für ein paar Sekunden spielt jeder Chorsänger sein Lieblingslied über den Lautsprecher des Handys ab. Ein vielschichtiges, raschelndes Gewirr entsteht, das punktgenau abbricht: Es löst sich auf in einer Klangfläche. Die Jugendlichen haben den letzten Ton ihres Liedes in ihren Gesang aufgenommen. – So tönt venezianische Mehrchörigkeit im 21. Jahrhundert.

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Klang und Architektur

    Aus Kontext vom 10.9.2015

    Es scheint in der Luft zu liegen, das Thema «Klang und Architektur». Aktuell läuft im Schweizerischen Architekturmuseum Basel die Ausstellung «Der Klang der Architektur». Das Festival «Zeiträume Basel» macht sich zu Musik und Raum Gedanken.

    Aber auch Architekten und Urbanisten sind sensibilisiert zum Klang des öffentlichen Raums, dem Sound in unseren Städten. Musikredaktor Benjamin Herzog hat den Direktor des Architekturmuseums, Hubertus Adams, getroffen und den Urbanisten Trond Maag: Wie ist der Stand der Dinge, wie klingt die Stadt der Zukunft?

    Benjamin Herzog