Tausendsassa Telemann Scheidung und Schulden liessen ihn schuften

Georg Philipp Telemann hat hunderte Kantaten geschrieben. Dazu Konzerte, Opern und Passionen. Warum war der Mann, der heute vor 250 Jahren starb, bloss so rastlos?

Der Komponist Georg Philipp Telemann, gesehen von Valentin Daniel Preisler. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eigentlich, sagt Telemann-Biograf Siegbert Rampe, müsste man Telemann-Zeitalter statt Bach-Ära sagen. Wikimedia

Als 33-jähriger Witwer heiratet Georg Philipp Telemann in Frankfurt 1714 die 16-jährige Maria Catharina Textor. Sie ist eine Bürgerstochter, er ist gerade aus Leipzig übersiedelt, um seine neue Stelle als Musikdirektor und Kapellmeister in der Stadt anzutreten.

Und er hat das Frankfurter Bürgerrecht erworben. Sie kümmert sich um Telemanns kleine Tochter aus erster Ehe, und am 25. Mai des nächsten Jahres wird ihr erster Sohn Andreas in Frankfurt getauft.

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Musik von Telemann

Telemann selbst ist als Mittdreissiger auf einem ersten Höhepunkt seiner Karriere. Er ist nicht nur ein berühmter Musiker, er wird auch Mitglied eines Frankfurter Patrizier-Clubs, der Gesellschaft Frauenstein.

Als deren Sekretär und Schatzmeister wird er über sieben Jahre stets wiedergewählt. Man weiss das Organisationstalent und die rechnerischen Fähigkeiten des neuen Mitglieds offensichtlich zu schätzen.

Pfeifenraucher und rastloser Arbeiter

Zu den Pflichten Telemanns in Frankfurt gehört zudem die Organisation des Tabakskollegiums der Patrizier. Doch dies sind nur Nebenämter. Er komponiert ganze Jahrgänge von Kirchenkantaten, bringt 1715 sechs Violinsonaten als Opus 1 im Druck heraus, und ein Jahr später eine weitere Kammermusik-Sammlung als Opus 2.

Ausserdem komponiert er die grosse Brockes-Passion, die 1716 in der Barfüsserkirche aufgeführt wird. Nebenher lässt er auch das Collegium musicum wieder aufleben und leitet es. Ein schier unglaubliches Pensum.

Seine Verbindungen zu früheren Arbeitgebern und nach Leipzig lässt Telemann nicht abreissen, und liefert seine Kantaten-Jahrgänge reihum an verschiedene Auftraggeber. Dass er dabei auch gut verdient, versteht sich.

Allein von rund 1900 Kantaten aus Telemanns Feder wissen wir heute. Es dürften noch mehr gewesen sein. Siegbert Rampe stellt in seiner Biografie die Forderung auf, Telemann müsste «eigentlich als einer der bedeutendsten Komponisten der protestantischen Kirchenmusik gelten.»

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Buchhinweis

Siegbert Rampe: Georg Philipp Telemann und seine Zeit. Laaber Verlag, 2017.

Auf einer Stufe mit Bach?

Im Gespräch wird der Musikforscher Siegbert Rampe, Herausgeber des Bach-Handbuchs und Autor weiterer Musikerbiografien des Barock, noch deutlicher: «Das Image des Vielschreibers kam schon kurz nach Telemanns Tod auf und hat sich seither gehalten. Zu Unrecht. Quantität hat nichts mit einem Mangel an Qualität zu tun. Wenn Mozart so lange gelebt hätte wie Telemann, wäre sein Werk ähnlich umfangreich geworden.»

Von Bach kenne man alle Kantaten, weil sie in guten Ausgaben vorlägen, von Telemann hingegen sei der grösste Teil der erhaltenen Kantaten noch immer nicht gedruckt zugänglich.

War Telemann ein Workoholic? Siegbert Rampe stimmt zu und ergänzt: «Er war nicht nur ein rastloser Arbeiter, sondern auch ein Organisationstalent und Manager, zeitweise Operndirektor, Verleger und ein genialer und äusserst vielseitiger Komponist, und zwar als Autodidakt. Er hat sich alles selber beigebracht, auch wenn uns das heute schier unglaublich scheint.»

Das Ehedrama in Hamburg

Und als Ehemann – hat Telemann da versagt? «Wir wissen es nicht», sagt Biograf Siegbert Rampe. Tatsächlich – vieles bleibt offen und ungeklärt, auch nach ausführlichen Recherchen.

Telemanns Frau Maria Catharina wird, als er 1721 nach Hamburg zieht, offenbar nicht glücklich in der Hansestadt. Sie muss den Haushalt mit sieben Kindern und weiteren Personen führen, und dies ohne den Rückhalt ihrer Frankfurter Verwandtschaft.

Die wenigen erhaltenen Quellen weisen darauf hin, dass sie enorme Schulden anhäuft und Telemann auf eine Sammlung unter den Hamburger Bürgern angewiesen ist, um einen Teil davon zu tilgen. Und es gibt Gerüchte, dass sie einen Geliebten hat.

Vom Musikverleger zum Blumenzüchter

1735 oder 1736 wird die Ehe geschieden. Georg Philipp Telemann arbeitet rastlos als Verleger und produziert bis zu acht Ausgaben seiner Werke pro Jahr. Dies bis 1739. Da hat er offenbar seine Schulden zurückgezahlt, und muss nicht mehr im Selbstverlag publizieren, um seine Einkünfte aufzubessern.

Mit 59 Jahren kann sich der Komponist mehr und mehr aus seinem Hobby widmen, der «Blumenliebe». Im Alter wird Telemann ein begeisterter Gärtner und Pflanzensammler.

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