Silke Gäng singt schon mal mit Wespe im Mund

Sie überraschte dieses Jahr am Lucerne Festival. Bei ihrem Rezital-Debut ging es «tierisch» zu: nicht nur tierisch-ernst oder unernst: Sie sang beizeiten wie ein Pfau oder wie ein längst ausgestorbener Vogel. Und einmal mit einer Wespe im Mund. Silke Gäng singt im Grenzbereich.

Portrait Silke Gäng in Abendkleid von oben fotografiert Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Waghalsig geht Silke Gäng bis an die Grenze der Musik. ZVG / Silke Gäng

«Wie soll ich das jemals schön finden?» Das war damals Silke Gängs erster Gedanke. Sie stammt nicht aus einer Musikerfamilie und war mit zeitgenössischer Klassik noch nie in Berührung gekommen. Erst an diesem Tag an der Musikhochschule Basel, als sie ihr Gesangsstudium begonnen hatte. Dass solche Musik – ein Werk aus dem 20. oder 21. Jahrhundert – für sie eines Tages den gleichen Stellenwert haben würde wie eine Mozart-Arie oder ein Lied von Franz Schubert, das konnte sie sich damals nicht vorstellen.

Mit den Jahren verändert sich das. Silke Gäng merkte, dass sie nicht allein das «Schöne» in der Musik interessiert. Es gibt gerade in zeitgenössischen Werken auch Abgründe, Irrwege, eine Aussage oder eine irritierende Fallhöhe zwischen Musik und Text. «Wenn ich all das ausgelotet habe, wird es ‹schön› für mich», sagt die Musikerin heute, fünf Jahre nach ihrem Studienabschluss.

Portrait Silke Gäng in blauem Abendkleid. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bei Silke Gäng ist nicht alles klassisch schön und ernst. ZVG / Silke Gäng

T-Shirts für das Lucerne Festival

Mozart, Schubert oder auch Barockmusik singt sie nach wie vor leidenschaftlich gern. Aber sie tummelt sich eben genauso gern auf dem Spielfeld der modernen Musik. Da sieht sie für sich als Interpretin unzählige Möglichkeiten, noch andere Dinge auszuprobieren und sich selbst einzubringen.

Eine ihrer Ideen hat Silke Gäng im September am Lucerne Festival umgesetzt. Für ihr Debut-Rezital stellte sie ein Programm mit lauter tierischen Liedern zusammen. Tierisch ernste aber auch poetische Lieder sowie spannende zeitgenössische Stücke.

Beim einen musste sie eine imaginäre Wespe in ihren Mund locken, und beim anderen imitierte sie einen Dodo, einen längst ausgestorbenen Vogel. Für dieses wortlose Stück liess sie sich extra T-Shirts mit Schlüsselwörtern aus der Partitur drucken, die sie dann während des Singens eins ums andere auszog. Die Frau hat Humor, aber dahinter steckte mehr als ein Gag.

Eine Sängerin braucht viel Biss

Beherzt war die 32-Jährige schon immer. Sie wuchs in Freiburg im Breisgau auf und muss bereits im Kinderchor die Lauteste und Mutigste gewesen sein, durfte sie doch ab und zu als Solistin auftreten. Als sie dann im Gymnasium eine Mitschülerin Schuberts «Erlkönig» singen hörte, traf sie das wie ein Blitzschlag, erzählt sie: «Das wollte ich auch singen. Also hab ich meine Eltern ziemlich lange bekniet.» Und sie liess nicht locker, bis sie Gesangsunterricht nehmen durfte.

Später merkte sie dann: Es ist in diesem Beruf durchaus von Vorteil, wenn man viel Biss hat. Gerade als freischaffende Sängerin. Man muss sich umhören in der Branche, sich weiterbilden, vorsingen. Bei Silke Gäng klappte es: Letztes Jahr gewann sie zwei Preise beim internationalen Gesangswettbewerb «Concours Ernst Haefliger» in Bern, darunter einen Sonderpreis für ein Debut-Konzert beim Lucerne Festival. Seit das über die Bühne ist, möchten viele aus dem Publikum definitiv mehr von dieser Sängerin hören.

Sendung zu diesem Artikel