«Americana» So klingt Country-Musik für hippe Städter

Country-Musik klingt immer mehr wie Pop und Rock. «Americana» hingegen besinnt sich auf die Wurzeln der US-Musik. Und ist dabei am Puls der Zeit.

Ein Mann mit Strohhut. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Justin Vernons Musik klingt rustikal und doch modern. Flickr/Nikko

Das wichtigste in Kürze:

  • Die Country-Musik hat ein Image-Problem: Sie klingt oft eindimensional und behandelt kaum aktuelle Themen.
  • «Americana»-Musik klingt ebenfalls ländlich, wird aber vermehrt auch in den Städten gehört.
  • Der «Americana»-Musik zum Aufschwung verholfen hat Johnny Cash mit seiner Albumreihe «American Recordings».
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Beiträge zum Thema

«On the Road Again» im Zeichen der Americana-Musik.

Virus-Musikredaktor Luca Bruno ist von Bon Ivers Album entzückt.

Warum es ok ist, Johnny Cash zu mögen: Artikel über Cashs «American Recordings».

Die Lehrjahre eines Genies: Kontext über Bob Dylan.

«Americana» ist zeitgenössische Musik, die tief in der US-amerikanischer «Roots»-Musik, wie Bluegrass und Blues, verwurzelt ist. Americana ist somit beides: traditionell und modern.

Der Begriff kommt Mitte der 1990er-Jahre auf. Seither wird das Genre immer populärer. Verantwortlich dafür ist das Image-Problem der modernen Country Musik: Sie klingt vermehrt eindimensional, steht zunehmend für eine konservative Haltung und thematisiert oft nur banale Themen wie Highways und Pick-Up-Trucks.

Das entstandene Vakuum füllt die Americana-Musik, die inhaltlich vielfältiger ist und musikalisch intimer klingt.

Rustikale Klänge für Städter

Obwohl «Americana» ländlich klingt, ist die Musik beim urbanen Publikum sehr beliebt – in den USA, aber vermehrt auch in europäischen Städten.

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Der Vorabend auf SRF 2 Kultur

Im Vorabendprogramm auf SRF 2 Kultur sind wir spannenden Musikthemen aus den Bereichen Jazz, World und Singersongwriter auf der Spur. Immer werktags ab 16h.

Ein Grund dafür ist, dass viele Americana-Künstler einen hohen künstlerischen Anspruch haben und sich gegen eine kommerzielle Vermarktung wehren. Dadurch steigt ihre «Hipness».

Zudem bedienen Americana-Künstler selten Klischees, sondern sie beschreiben in ihren Liedern eine individuelle Sichtweise, die oft auch gesellschaftskritisch ist.

Es war Johnny Cash, der vielen Städtern die Ohren öffnete. Er hat zwischen 1994 und 2010 zusammen mit dem Produzenten Rick Rubin die sogenannten «American Recordings» aufgenommen. Eine Albumreihe von hoher künstlerischer Relevanz.

Vier «Americana»-Hörtipps:

    • 1.
      Gillian Welch «Annabelle» (1996)
      «Annabelle» ist ein intimes, melancholisches Stück, das mit nur zwei Gitarren und Stimme auskommt. Der Refrain ist von Anfang bis Ende zweistimmig gesungen, so wie man das auch oft in der Bluegrass-Musik hört.

      Bereits mit ihrem Debutalbum «Revival» gewann Gillian Welch einen Grammy. In Europa wurde sie vor allem bekannt, weil sie Musik zum Film «O Brother, Where Art Thou?» beisteuerte.
    • 2.
      Bon Iver «Flume» (2007)
      Die Hauptfigur der Formation Bon Iver ist der Sänger, Gitarrist und Organist Justin Vernon. Er hat das Debutalbum «For Emma, Forever Ago» im Alleingang in einer Jagdhütte aufgenommen. Die Musik klingt dementsprechend rustikal. Doch Vernon baut zusätzliche Effekte und Sounds ein, die sehr modern klingen. Das Album erschien erst nur in einer kleinen Auflage, entwickelte sich dann aber zu einem Grosserfolg.
    • 3.
      Bob Dylan «I'll Be Your Baby Tonight» (1967)
      Bob Dylan gilt als Folk- und Rockmusiker und als Künstler, der stets mit der Zeit ging. Aber Dylan bezog sich während seiner gesamten Karriere immer auch auf den Blues, den Gospel und auch die Country Musik – also auf «Roots»-Music. Weil der Begriff «Americana» erst in den 1990-ern aufkam, würde sich Bob Dylan selber nicht als «Americana»-Musiker bezeichnen. Aber in gewisser Hinsicht war er das bereits.
    • 4.
      Johnny Cash «Hurt» (2002)
      Die Country-Legende Johnny Cash covert 2002 «Hurt» von der Rockband Nine Inch Nails. Das Stück ist Teil der Albumreihe «American Recordings», die Cash mit Produzent Rick Rubin aufgenommen hat. Rick Rubin ist von Haus aus Hip-Hop-Produzent und hat einen anderen Zugang zur Country-Musik. Tiefgründige Texte stehen im Vordergrund, Country-Klischees fallen weg. Vom puristischen Country-Establishment in Nashville wird Cash fortan als Verräter angesehen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Vorabend, 24.1.17, 16 Uhr.