Stradivaris Mara, der Ferrari unter den Celli

Ein Mythos war das Mara schon bald, nachdem es 1711 Antonio Stradivaris Werkbank verliess. Nur schon der Anblick des Cellos macht Musiker nervös. Dabei versank es einst beinahe im Rio de la Plata.

Christian Poltéra mit seinem Cello am Strand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Er spielt eines von drei weltberühmten Celli, die 1711 auf der Werkbank Stradivaris lagen: Christian Poltéra. Nikolaj Lund

Als Christian Poltéra Mitte der 1990er-Jahre am Mozarteum in Salzburg studierte, hing ein Poster eines Cellos in seiner WG wie anderswo ein Pin-up-Girl – begehrt, unerreichbar. Ein Cello, das seit 300 Jahren die Fantasien von Musikern beflügelt: das Mara.

«Dieses Cello hat eine unheimliche Klarheit und auch etwas Schwereloses», sagt Christian Poltéra. Heute ist er 38 Jahre alt, ein angesehener Cellist und seit Oktober 2012 der neue Besitzer des Mara.

Poltéra lässt den Instrumentenkoffer aufschnappen, hebt es am Korpus an und dreht ihn zum Fenster, damit Licht in eins der f-Löcher fällt. «Kann man das sehen? Hier, das Etikett am Boden?» Der Zettel, der das Instrument millionenschwer macht: «Antonius Stradivarius cremonensis faciebat Anno 1711».

Wieso zahlen Menschen enorme Summen für Streichinstrumente?

Christian Poltéra Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Christian Poltéra. Nikolaj Lund

Poltéra ist Schweizer, selbstbewusst, aber leise. Schwärmen ist nicht sein Ding, aber nach einer Weile mit dem Cello im gleichen Zimmer kann er offenbar nicht anders. Er zeigt auf die Flammung des Korpus («diese Perfektion»), die Asymmetrie der Schnecke («Unglaublich schön»). Er streicht die Saiten an. Der Klang will aus dem Raum drängen: strahlend. Das Mara spricht schnell an, deshalb hat es der Wiener Musiker Heinrich Schiff einmal mit einem Ferrari verglichen.

Es ist eines der drei weltberühmten Celli, die 1711 auf der Werkbank Stradivaris lagen. Sie stammen aus der sogenannten goldenen Periode des Geigenbaumeisters, dessen Streichinstrumente bis heute Kult sind: Kunstwerk, Mythos. Investment.

Was bringt Stifter, Sammler, Musiker dazu, enorme Summen für alte italienische Streichinstrumente aus Cremona zu zahlen? Wie viel kommt vom Instrument? Wie viel vom Musiker? Wie viel ist Mythos?

Mara. Allein der Name. Man könnte sich hübsche Geschichten ausdenken, weshalb das Cello so heisst. Aber das war schlicht der Name einer seiner Besitzer: Giovanni Mara. Er spielte es im Königlichen Orchester Potsdam.

Schillernder als er war seine Frau, die Sängerin Elizabeth Schmöhling. Sie machte sein Instrument so berühmt, dass es nicht nur Mozart in einem Brief erwähnt, sondern auch Goethe in seinen Gesprächen. Um 1808 wird das Mara für 100 Pfund verkauft. Als es kurze Zeit später wieder den Besitzer wechselt, ist sein Wert bereits um die Hälfte gestiegen.

Das Cello versinkt im Rio de la Plata

Ein Mythos ist das Mara also schon bald nach seiner Entstehung. Zur Legende wird es in der Nacht des 12. Juli 1963, als der Musiker Amadeo Baldovino in Montevideo die Fähre nach Buenos Aires besteigt. Baldovino ist mit dem Trio di Trieste auf Südamerikareise. Sein Instrument ist mindestens genauso bekannt wie er.

Als die Fähre auf ein gesunkenes Wrack aufläuft, bricht Feuer aus. Chaos, Panik unter den Passagieren. Baldovino greift den Cellokoffer, alles andere lässt er in der Kabine. Mit dem Instrument rennt er an Deck. Schwimmwesten werden verteilt, Rettungsboote zu Wasser gelassen. Als er ins Wasser springt, verliert er das Cello aus den Augen.

Nur noch ein Haufen Holz

In einem Brief an seine Versicherung rekapituliert Baldovino jene Nacht vom Juli 1963: «Als ich aufwachte, traf mich der enorme Verlust meines Mara. Es klopfte an meiner Zimmertür. Renato kam mit einer Zeitung herein. Die Schlagzeile: ‹Das Stradivari wurde gerettet!› (…) Ich wurde gebeten, nach La Plata zu fahren, um das Cello zu identifizieren.»

In La Plata liegt ein Cellokoffer, aufgebahrt wie ein Sarg. «Das war kein Instrument, sondern eine Anzahl von Teilen, die ich zu identifizieren versuchte, indem ich sie so gut wie ich konnte zu einer möglichen Rekonstruktion des Mara zusammensteckte. (…) Das war unmöglich.»

Heute sieht man dem Cello den Unfall kaum an. Es klingt angeblich noch schöner als zuvor. Christian Poltéra sagt, er brauche Jahre, um Mara richtig kennenzulernen. Er wird nicht der Letzte sein, der auf ihm spielt.

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