Zensur im Musikgeschäft Stumme Stimmen – in mehr als 70 Ländern wird Musik zensiert

Musik ist ein Menschenrecht. Doch in mehr als 70 Ländern werden bis heute Lieder verboten, Musiker bedroht und verhaftet. Fünf aufsehenerregende Fälle aus dem letzten Jahr.

Zwei Frauen mit rotem Klebeband über dem Mund. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wer Musik machen darf und wer schweigen muss hängt meist von der Tagespolitik ab. Getty Images

Musik machen und Musik hören ist ein Menschenrecht. Jedenfalls laut UN-Menschenrechtscharta. Zwei Artikel beziehen sich darin implizit auch auf Musik:

  • Artikel 19: «Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung.»
  • Artikel 27: «Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen.»

Doch in Ländern, wo diese Menschenrechte stark eingeschränkt sind, leiden Musikerinnen und Musiker – weil sie oder ihre Songs zensiert werden.

Musikzensur spiegelt Konflikte

Ein anderer Grund für Musikzensur sind politische Spannungen. «Musikzensur widerspiegelt die Konflikte innerhalb einer Gesellschaft oder zwischen zwei Ländern», sagt Ole Reitov, Direktor von Freemuse, einer Nichtregierungs-organisation, die sich weltweit gegen Musikzensur einsetzt.

Freemuse macht in über 70 Ländern Musikzensur fest, das heisst: Lieder werden dort verboten, Musiker verhaftet oder sogar – und das ist die ultimative Form der Musikzensur – getötet.

Fünf Fälle von Musikzensur, die im Jahr 2016 besonders viel Aufmerksamkeit erregten:

    • 1.
      Verstummt: der Sufisänger Amjad Sabri

      Vergangenen Juni wurde Amjad Sabri, ein beliebter pakistanischer Sänger, auf offener Strasse erschossen. Bekannt hat sich zu diesem Mord eine Splittergruppe der pakistanischen Taliban. Amjad Sabri praktizierte Qawwali, eine pakistanische Musikform des nicht-orthodoxen Islams. Im Sufismus sind Rausch, Musik und Tanz ein Werkzeug, um Gott näher zu kommen. Für die Taliban-Splittergruppe ist diese Qawwali-Musik nicht mit dem Koran vereinbar und daher unislamisch. Gotteslästerung war also die Begründung der Terrororganisation für den Mord.

    • 2.
      Spirituelle Bekanntschaft mit Sprengkraft
      Der Dalai Lama und Lady Gaga bei einem Treffen im Juni 2016. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Pop meets Spiritualität: Der Dalai Lama und Lady Gaga sprachen über Moral und Mitgefühl. Reuters

      Die chinesische Regierung hat im vergangenen Sommer alle Songs von Lady Gaga aus Radio, TV und Musikplattformen verbannt, weil sich die US-amerikanische Sängerin mit dem Dalai Lama getroffen hat und sich für die Unabhängigkeit Tibets ausgesprochen hat. Damit gefährde sie, wie die chinesische Regierung verlauten liess, «die nationale, kulturelle Sicherheit des Landes». Die chinesische Regierung bestraft auch tibetische Musiker hart, die in ihren Songs die Tibet-Frage verhandeln.

    • 3.
      Bollywood im politischen Kreuzfeuer
      Strassenszene in Kalkuta: ein Plakat des Bollywoodfilms «My Name is Khan». Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Filme wie «My Name is Khan» – dessen indischer Stars auch in Pakistan gefeiert werden – missfallen Extremisten. Keystone

      Nach einem Anschlag auf eine indische Militärbasis in Kaschmir weitete sich der jahrelange politische Konflikt zwischen Indien und Pakistan im September auf die Kultur aus. Die pakistanische Medienbehörde PEMRA gab bekannt, dass Radio- oder TV-Sender keine indischen Inhalte mehr ausstrahlen dürfen. Dazu gehören auch Bollywood-Filme und -Musik. Das Verbot war die Antwort auf die Aussage des indischen Regisseurs Karan Johar, der an der Premiere seines neuen Films sagte: «Natürlich werde ich in Zukunft nicht mehr mit Talenten aus dem Nachbarland zusammenarbeiten». Berichten zufolge war dieses Statement eine Bedingung der hinduistisch-extremistischen indischen Partei MNS. Die Partei hatte zuvor gedroht, Kinos, die den indischen Film mit einem Kurzauftritt eines Pakistani zeigen, zu attackieren.

    • 4.
      Zerschlagener Lichtblick im Iran
      Sara Najafi im Dokfilm «No Land's Song». Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Ein Konzert gegen die Zensur: Sara Najafi im Dokfilm «No Land's Song». Basis Filmverleih

      Auch 2016 ist es Frauen im Iran noch immer untersagt, alleine in der Öffentlichkeit vor Männern auftreten. Denn die weibliche Stimme verführe das andere Geschlecht. Im März sorgte der Kino-Dokumentarfilm «No Land’s Song» für einen Hoffnungsschimmer. Der Film begleitet Sara Najafi auf dem Weg zu ihrem Traum: Sängerinnen vor einem gemischtgeschlechtlichen Publikum singen zu lassen. Es gelingt ihr das scheinbar Unmögliche, das Konzert findet statt. «Und was passierte danach?» fragte die Wochenzeitung «Die Zeit». «Nichts. Das Konzert wurde einfach ignoriert», antwortete Sara Najafi.

    • 5.
      Denise Ho und der französische Kosmetikkonzern
       Denise Ho spricht an einer Veranstaltung in Hong Kong, nach der Absage ihres Konzertes durch Lancome. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Bleibt kämpferisch: Denise Ho spricht an einer Veranstaltung in Hong Kong, nach der Absage ihres Konzertes. Reuters

      Die bekannte «Occupy-Central»-Aktivistin Denise Ho setzt sich für die Unabhängigkeit Hong Kongs ein – das macht sie in Festlandchina zur Persona non grata. Eigentlich hätte sie im Juni in China ein Promo-Konzert für das Kosmetik-Unternehmen Lancôme (das zu L’Oréal gehört) geben sollen. Als das bekannt wurde, traten die Ho-Gegner in den sozialen Medien einen Proteststurm los und riefen zum Boykott der L'Oréal-Produkte auf. Einen so riesigen Markt wie China zu verspielen, konnte sich das Unternehmen nicht leisten. Es krebste zurück und sagte das Konzert ab. Daraufhin riefen die Ho-Fans zum Boykott der Kosmetikprodukte auf.

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