Umkämpfter Weltmusik-Markt: Risse im Prinzip Sehnsucht

Vor 20 Jahren boomte der Weltmusik-Markt: Westliche Hörerinnen und Hörer sehnten sich nach einer unverdorbenen, exotischen Musik. Während heutzutage der CD-Markt schrumpft, gehen dank des Internets neue Musik-Welten auf. Eine Chance, die Karten neu zu mischen.

Eine siebenköpfige Band aus Eritrea mit Instrumenten, im Vordergrund die Sängerin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Asmara All Stars aus Eritrea sind beim Label Outhere Records unter Vertrag. Outhere Records

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World Music

Etabliert hat sich der Begriff «World Music» seit 1987. In diesem Jahr trafen sich Repräsentanten unabhängiger Labels in London, um eine einheitliche Marketingkategorie für all jene Musik zu finden, die nicht-westlich, traditionell oder hybrid ist oder lokale Anklänge in sich aufnimmt.

Lange beruhte der Weltmusik-Markt auf dem Prinzip Sehnsucht: Westliche Hörerinnen und Hörer sehnen sich nach einer Musik, mit der sie sich in weite Ferne träumen können. «Man glaubte in der Weltmusik eine Welt zu entdecken, die viel bunter, kreativer und kulturverbundener ist, als die unsrige westliche, kapitalistische Gesellschaft», sagt Jay Rutledge, Gründer des Münchner Labels Outhere Records. Wegbeamen können sich die typischen Weltmusik-Hörerinnen und -Hörer am besten mit Klängen, die traditionell und handgemacht daherkommen, die zwar rhythmusbetont, aber immer auch ein wenig gezähmt sind.

Den Weg dafür ebnen zwei Herren im Jahre 1986: Paul Simon reist nach Südafrika und produziert mit lokalen Musikerinnen und Musikern sein Fusion-Album «Graceland», während Peter Gabriel den senegalesischen Sänger Youssou N'Dour mit auf seine Welttournee nimmt. Es ist die Geburtsstunde einer Branche, der wenig später eine paar Journalisten und Plattenbosse das Etikett «World Music» aufdrücken.

Das Weltmusik-Universum

Ein Sängerin und eine Gitarristin an den Afro Pfingsten in Winterthur. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: World-Music-Festivals wie die Afro Pfingsten Winterthur blühen. Keystone

Zehn Jahre später ist der Weltmusikmarkt bereits ein kleines Universum. Dessen Epizentren sind meistens die Büros weisser Produzenten in Nordamerika und Europa. Sie definieren, wie afrikanische, lateinamerikanische und asiatische Musik klingen muss, um Weltmusik-Hörerinnen und Hörern zu gefallen.

Zum Markt gehören Zeitschriften wie «Songlines», eine Reihe eigener Grammys und Awards, sowie Festivals wie Peter Gabriels «World of Music, Arts and Dance» (WOMAD) oder Afro-Pfingsten in Winterthur. Bands, die von Festival zu Festival reisen und in den Zeitschriften besprochen werden, wurden zuvor in den Showcases riesiger Messen wie der WOMEX (World Music Expo) vorgestellt.

Die WOMEX ist noch heute ein wichtiges Eingangstor in den Markt. Doch wer in die den begehrten Weltmusik-Schaufenstern posieren darf, entscheide eher das Portemonnaie der Produzenten als die musikalische Qualität, erzählt Jay Rutledge: «Die Labelbetreiber und Veranstalter müssen die Bands auf die WOMEX einfliegen. Wie auch bei Tourneen kostet es unglaublich viel, eine Band aus Afrika, Asien oder Südamerika zu buchen, hinzu kommen ja auch immer Visa und Arbeitsgenehmigungen. Leisten können sich das oft nur die Majorlabels oder Musikerinnen und Musiker, die als Delegierte von Staaten auftreten.»

Internet kills the CD-Star

Der CD-Markt schrumpft seit den Nullerjahren. Auch die Weltmusik ist davon betroffen, auch wenn sie laut Branchenverband IFPI weiterhin zwei bis drei Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht. Betreiber kleiner Labels müssen sich umorientieren: Sie setzen auf Vinyl oder auf Streaming, generieren Geld aus Kulturfördertöpfen oder bleiben wie Jay Rutledge aus Idealismus am Ball. Aus seiner Sicht lohnt sich der Weltmusik-Markt finanziell kaum noch: «Wir hatten mit einem Album Platz eins der Jahresliste, trotzdem verkauft es sich weltweit nur 7500 mal – zu wenig für eine Produktion, die 25‘000 Euro kostet.»

Den Labelbesitzer und Produzenten macht die Gratis-Kultur im Internet zu schaffen. Für viele Musikerinnen und Musiker ist sie hingegen eine Chance, ihre Musik eigenmächtig in die Welt zu streuen. Da das technische Equipment für die Produktion immer billiger wird, schiessen aus den Hinterzimmern von globalen Metropolen wie Johannesburg, Kairo oder Rio de Janeiro neue Genres wie Pilze aus dem Boden. Sie vermischen urbane Stile wie House, Hip-Hop oder Reggae mit lokalen Einflüssen, laden die Songs auf Plattformen wie YouTube und ziehen auf Facebook alle Register, um sich gegen die Masse behaupten können.

Weltmusik an jeder Ecke

Auch wenn der virtuelle Markt für die wenigsten lukrativ ist, sind die Zugänge direkter als beispielsweise über den WOMEX-Showcase. Blitzschnell kann der Ruhm um die Ecke kommen und so auch ein paar bezahlte Gigs herausspringen. Ganz aus den Fugen geraten die alten postkolonialen Abhängigkeiten aber nicht, beobachtet der Musikjournalist Thomas Burkhalter.

Denn die Multiplikatoren, Produzentinnen und DJs, welche die Tracks in die Clubs nach Berlin, London und New York holen sowie die Bloggerinnen und Journalisten, die darüber schreiben, sind immer noch vor allem Europäerinnen und Amerikaner. Auch der Austausch passiere selten zwischen Musikerinnen und Musikern des Globalen Südens, sondern vor allem zwischen Nord und Süd.

Trotzdem gerät der Deal mit der Sehnsucht heute ordentlich ins Wanken, denn Weltmusik ist überall. Jede mittelgrosse multikulturelle Grossstadt hat ihre eigene Weltmusikszene. Die Vermischung von Musikkulturen hält Einzug in Sparten von Jazz bis Oper, auch die Grenzen zwischen Welt- und Popmusik verschwimmen immer mehr: Die tamilische Sängerin M.I.A. oder der Song «Gangnam Style» des südkoreanischen Rappers Psy sind Paradebeispiele. Der Weltmusikmarkt ist schon lange kein geschlossenes Universum mehr und hat sich aufgefächert. Genau wie die Geschmäcker der Hörerinnen und Hörer: Die mundgerechten Weltmusik-Häppchen gegen das Fernweh wollen nicht mehr so recht schmecken.

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