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«Uns war klar, dass wir die Konzerte absagen müssen»
Aus Regionaljournal Zentralschweiz vom 28.02.2022.
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Valery Gergiev Lucerne Festival lädt Star-Dirigenten aus – wegen Putin-Nähe

Der russische Dirigent Valery Gergiev ist ein Superstar der Klassik. Nun hat man ihm zwei Konzerte in Luzern abgesagt.

Das «Lucerne Festival» hat zwei Konzerte in diesem Sommer abgesagt. Grund dafür: der russische Dirigent, der sie geleitet hätte. Valery Gergiev ist einerseits ein Superstar der Szene. Andererseits er trat er wiederholt als vehementer Befürworter von Wladimir Putins aggressiver Politik in Erscheinung.

Gergiev machte sich 2012 in einem Werbeclip für Putins Wiederwahl stark. Er unterstützte er dessen Gesetze zur Diskriminierung von Homosexuellen, sprach sich für die Annexion der Krim aus und dirigierte während des syrischen Bürgerkriegs vor der syrischen und der russischen Armee.

Konzerte in Luzern abgesagt

Obwohl es immer wieder zu Protesten gegen Gergievs Auftritte kam, hatten seine politischen Ansichten bis jetzt wenige Konsequenzen für seine Karriere. Der heute 68-Jährige blieb ein gern gesehener Gast in verschiedenen renommierten Konzerthäusern – und trat seit 1999 auch regelmässig in Luzern auf.

Zwei Männer beim Handshake.
Legende: 2016: Wladimir Putin und Valery Gergiev während einer Zeremonie im Kreml in Moskau. Reuters

Zuletzt dirigierte er 2021 im KKL. Seine nächsten Konzerte wären für den 21. und 22. August dieses Jahrs geplant gewesen: Der Dirigent wäre mit dem von ihm geleiteten Mariinsky-Orchester aus St. Petersburg aufgetreten. Daraus wird nun nichts. «Wir haben Valery Gergiev per Mail informiert, dass die Konzerte abgesagt sind», sagt Michael Haefliger, Intendant des «Lucerne Festival» gegenüber SRF. Eine Antwort hätten sie noch nicht erhalten.

Ultimatum aus München und Mailand

Mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine ist die Stimmung gegenüber dem Dirigenten gekippt. Am Sonntag hat sein Manager Marcus Felsner verkündet, Gergiev nicht mehr zu vertreten. Er sei zwar ein aussergewöhnlicher Mensch und der grösste lebende Dirigent, doch er weigere sich, seine Unterstützung für Putins Regime zu beenden. Oder er könne dies schlicht und einfach nicht.

Valery Gergiev beim Dirigieren
Legende: Valery Gergiev bei einem Auftritt im KKL in Luzern. August 2002. Keystone

Weiter hat Gergiev aus München und aus Mailand ein Ultimatum erhalten. Falls er sich bis am Montag nicht öffentlich gegen Putins Politik stelle, würde man die Zusammenarbeit beenden. In München ist er Chefdirigent der Philharmoniker, in Mailand war ein Konzert für den 5. März geplant gewesen.

«Abgründe der Menschheit»

In Luzern ist der Entscheid für die Absage der Konzerte heute Montag gefallen. Michael Haefliger meint, dass ihnen klar gewesen sei, diese Konzerte absagen zu müssen. «Das soll eine deutliche Aussage gegen den bösen Krieg in der Ukraine sein», so der Intendant. Der Entscheid sei ihnen jedoch nicht leichtgefallen. «Es war eine starke künstlerische Partnerschaft vorhanden.»

Zürcher Opernhaus wegen Anna Netrebko in der Kritik

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Legende: Anna Netrebko in Wien 2019. Keystone

Auch das Zürcher Opernhaus muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen. Vor allem wegen geplanter Auftritte der russischen Sängerin Anna Netrebko Ende März. Die Star-Sopranistin pflegt einen freundschaftlichen Umgang zum russischen Präsidenten Wladimir Putin. Ihren 50. Geburtstag feierte sie zum Beispiel im Kreml, Putin liess an diesem Anlass eine Grussbotschaft verlesen.

Vor dem Hintergrund dieser Nähe stellt sich die Frage, ob die Auftritte nicht abgesagt werden müssten. Sie selbst distanzierte sich am Samstag in einem Statement vom Krieg gegen die Ukraine, hielt aber auch fest, dass sie es nicht richtig finde, Künstler oder andere Personen des öffentlichen Lebens zu zwingen, ihre politische Meinung in der Öffentlichkeit zu äussern.

Wie viele andere Künstlerinnen und Künstler sei sie in einer schwierigen Lage, schreibt heute das Opernhaus auf Anfrage von Radio SRF, da sie je nach Äusserung Repressalien durch das System Putin befürchten müsse. Und weiter: «Wir haben der Künstlerin die Zeit gegeben, sich zum Krieg in der Ukraine zu äussern und fanden es nicht richtig, sie aufgrund früherer verfehlter politischer Äusserungen auch in der aktuellen Situation vorzuverurteilen.»

Das Opernhaus bekräftigt damit seinen Standpunkt von letzter Woche. Als Zeichen der Solidarität werde das Opernhaus seit Samstagabend in den Farben der Ukraine beleuchtet. Über das weitere Vorgehen und allfällige Entscheidungen will das Opernhaus zu gegebener Zeit informieren.

Michael Haefliger selbst hat auch sonst eine enge Verbindung nach Russland. Eine «emotionale Bindung» zur Kultur, wie er selbst sagt. Vor 35 Jahren lernte er Wladimir Putin gar höchstpersönlich kennen – am World Economics Forum in Davos.

Vor 16 Jahren bezeichnete er diesen gegenüber der Handelszeitung als spannende und kunstbegeisterte Persönlichkeit. Von diesem Sentiment ist nichts mehr übrig. «Was gerade passiert, bringt uns an die Abgründe der Menschheit.»

Gergiev weg: Auch das Verbier Festival reagiert

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Das Verbier Festival hat am Montag als Folge des russischen Einmarschs in die Ukraine eine Reihe von Massnahmen angekündigt. Das Festival setzt per sofort Valery Gergiev als künstlerischen Leiter ab. Sämtliche Spenden von Personen, die von den westlichen Regierungen sanktioniert werden, werden zurückbezahlt. Zudem sollen Künstlerinnen und Künstler, die öffentlich ihre Solidarität mit der russischen Regierung zeigen, am Verbier Festival nicht mehr auftreten dürfen.

SRF 1, Regionaljournal Zentralschweiz, 28.02.2022, 12:03 Uhr;

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