Klassik 2.0 Virtuell, wirklich, weiblich: das neue Gesicht der neuen Musik

Die Millennials machen ihre Welt zur Kunst. Gerade in der zeitgenössischen Musik gibt es dafür spannende Beispiele. Vor allem weibliche: drei Komponistinnen im Kurzporträt.

Man nennt sie die Generation Y. Oder Millennials. Das sind jene, die in den 1980er-Jahren geboren wurden und heute zwischen 30 und 40 Jahre alt sind. Sie sind mit Handy und Tablet gross geworden und sie kommunizieren virtuos via soziale Medien.

Enorme kreative Energie

Viele Künstlerinnen und Künstler dieser Generation inszenieren sich in einer digitalen Welt, wechseln zwischen Realität und Virtualität und verflechten in ihren Werken ihr Privatleben mit ihrer Kunst. Gerade in der Szene der zeitgenössischen Musik ist bei den Millennials eine enorme kreative Energie zu spüren.

Dabei haben die komponierenden Frauen die Nase vorn und mischen mit klaren politischen Haltungen und unerwarteten ästhetischen Positionen den Musikbetrieb auf. Drei Namen, die herausragen:

Sarah Nemtsov – Die Politische

Eine blonde Frau in Denkerpose: die deutsche Komponistin Sarah Nemtsov Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ihr letztes Werk handelt vom Dschihad und der Flucht vor der Wirklichkeit: Sarah Nemtsov. Rut Sigurdardóttir

Sarah Nemtsov ist 36 Jahre alt, kommt aus Oldenburg (D) und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern als freischaffende Komponistin in Berlin. Anfang März 2017 wurde in Halle ihre Oper «Sacrifice» uraufgeführt: ein Werk, in dem es um Radikalisierung, den Dschihad und Flucht vor der Wirklichkeit geht.

Aber auch in ihren kammermusikalischen Werken, wie zum Beispiel in «OR.TOWARDS» (2016) für Sänger und Ensemble sieht Nemtsov durchaus politische Aspekte.

Da gibt es zum Beispiel Klänge, die andere zerstören oder ihnen den Raum nehmen. Und Klänge, die sich dagegen behaupten und sich durchsetzen. All das sind musikalische Bilder von gesellschaftlichen Zuständen.

Jagoda Szmytka – Die Kunstfigur

Inszeniert sich als Kunstfigur: die Komponistin Jagoda Szmytka Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Macht ihr Leben zur Kunst und inszeniert sich darin als Kunstfigur: Jagoda Szmytka. Andoz Krishnadas

Die 35-jährige Komponistin, Performerin und Künstlerin Jagoda Szmytka kommt aus Polen und lebt zurzeit in Frankfurt. Sie macht ihr Leben zur Kunst und inszeniert sich darin als Kunstfigur.

In ihrem neusten Musiktheater, uraufgeführt am Festival ECLAT in Stuttgart Anfang Februar 2017, thematisiert sie die Verunsicherungen der Millenniums-Generation. DIY or DIE also «Do it yourself oder stirb» ist ein trashiger Mix aus Comedy, Songs und Tanz. Das Leben in einer Zeit der totalen Freiheit führt in die Apathie oder es ist eine Chance zur Selbstverwirklichung.

Jagoda Smytka verfolgt mit ihrer Kunst ganz konkrete gesellschaftliche Anliegen. Kultur ist für sie ein Ort des Austausches, wo neue gesellschaftliche Ideen entwickelt und diskutiert werden.

Brigitta Muntendorf – Die Kommunikative

Eine blonde Frau mit kurzem Haar, deren blauschwarzes Kleid ihr über den Kopf zu wachsen scheint. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gewann 2017 den deutschen Musikautorenpreis in der Kategorie Nachwuchs: Brigitta Muntendorf. Deutscher Musikautorenpreis

Brigitta Muntendorf, 34 Jahre alt, kommt aus Hamburg. Die Komponistin schafft Werke, in denen sie ihre eigene multimediale Wirklichkeit thematisiert und über Selbstdarstellungslust und Identitätsverlust in unserer digitalisierten Welt nachdenkt.

Ihr jüngstes Bühnenwerk (am Festival Eclat in Stuttgart Anfang Februar 2017 uraufgeführt) heisst «iScreen, YouScream!». Riesige schwarze Boxen sind auf der Szene verteilt, die Musiker sind nicht sichtbar, jeder sitzt in seiner eigenen Kiste.

Nur ein Kameramann schleicht um die Boxen herum, filmt mal hier, mal dort rein. Man sieht die Projektionen auf grossen Leinwänden. Doch: Was passiert gerade jetzt? Und was ist nur virtuell?

Dieser Aspekt interessiert Brigitta Muntendorf besonders: «Bei Facebook oder im Netz erleben wir zwar Gemeinschaften, aber die Menschen agieren isoliert voneinander. Wie funktioniert so eine Gemeinschaft? Wie kommunizieren die miteinander? Ich fand es spannend, das auf ein musikalisches Setup zu übertragen.»

Die Bühne als Labor

Komponierende Frauen sind in der Generation Y zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Und wie diese drei Beispiele zeigen: gerade die Komponistinnen überzeugen mit ihren vielseitigen Formaten und ihren couragierten künstlerischen und ästhetischen Positionen.

Die Konzert- und Theaterbühne wird dabei zum Labor. Zu dem Ort, wo auf die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen reagiert wird, wo sie sich selbst darstellen und ihre Lebensrealität reflektieren.

Diese junge Generation von Komponistinnen trägt massgeblich dazu bei, dass die zeitgenössische Musik ihren Elfenbeinturm verlässt und (wieder) zur vieldiskutierten und relevanten Gegenwartskunst wird.

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