Vom Game in den Konzertsaal Wie bei Mario auch die Musik super wurde

Die Musik in Videospielen ist heute weit weg vom Gepiepse der 90er-Jahre. Videogame-Musik glänzt mit anspruchsvollen Kompositionen, die zuweilen Tausende junge Menschen in altehrwürdigen Konzertsäle locken.

Szene aus einem modernen Videogame: Mario rennt über eine Strasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seit seinem ersten Auftritt 1981 hat sich Mario stark verändert: Szene aus «Super Mario Odyssey». Nintendo

Das Wichtigste in Kürze

  • Videospiele haben heute oft aufwendig komponierte Orchester-Soundtracks.
  • Game-Musik soll wie ein Filmsoundtrack Emotionen hervorrufen, muss sich dabei aber auch dynamisch ans Spielgeschehen anpassen.
  • Spiele-Soundtracks werden auch häufig in Konzertsälen aufgeführt. Sie locken ein neues Publikum dorthin.

Wer in den 80ern oder 90ern eine Spielkonsole hatte, kennt sie: die Melodie von Super Mario. Ein Synthesizer spielt einen treibenden Calypso-Rhythmus, mehr Geräusch als Klang.

Ende Oktober wurde mit «Super Mario Odyssey» die neuste Fortsetzung des Spiels mit dem Klempner in der blauen Latzhose veröffentlicht. Auch die Musik hat frischen Drive bekommen: Weit weg vom trockenen und synthetischen Sound lässt heute eine Big Band mit professionellen Bläsern ein Klang-Feuerwerk los.

Der Song «Jump up, Super Star» – eine Auskoppelung aus dem Soundtrack – hat es sogar in die japanischen und US-amerikanischen Charts geschafft.

Vom Piepsen zum Orchester

Der überarbeitete Soundtrack von «Super Mario Odyssey» zeigt, wie sehr sich die Videospiel-Musik in den letzten Jahren verändert hat. Vor 40 Jahren noch war es nicht möglich, dem ersten weltweit populären Videospiel «Pong» mehr als zwei synthetische Töne einzuspeisen.

Mit dem technischen Fortschritt ist nicht nur die Qualität der Grafik, sondern auch die der Musik enorm gestiegen. Heute spielen professionelle Musiker den Soundtrack ein und Videospiel-Musik steht auf derselben künstlerischen Ebene wie Filmmusik.

Gefeierte Komponisten

Komponisten wie Nobuo Uematsu werden in der Szene als Stars gefeiert, deren Melodien sind unter den Gamern so bekannt wie andernorts Mozarts «Türkischer Marsch» oder Beethovens «Ode an die Freude».

Es überrascht nicht, dass auch Filmkomponisten immer wieder Ausflüge in dieses Genre machen, etwa Hans Zimmer («König der Löwen», «Gladiator»). Seine Musik zum Spiel «King of Glory», eingespielt vom Chamber Orchestra of London, erreicht eine riesige Hörerschaft: die täglich spielenden 80 Millionen Gamer und Gamerinnen.

Wie im Film – aber flexibler

Genau wie Filmmusik soll Videogame-Musik Stimmungen transportieren, Emotionen auslösen und verstärken. Oftmals haben Landschaften oder Figuren eine eigene Erkennungsmelodie.

Videospiel-Musik muss genauso eingängig sein wie Filmmusik, aber flexibler: Trotz repetitiven Mustern darf sie nicht nerven, wenn die Spielenden in einer Sequenz nicht weiterkommen. Und langweilig darf sie auch nicht sein, denn nicht selten verbringt ein Gamer mit einem guten Spiel hundert oder mehr Stunden.

Alle Genres

Die Videospiel-Musik kennt keine stilistischen Grenzen. Pop, Rock und Indie, Heavy Metal oder elektronische Musik – jeder Stil ist vertreten.

Doch dominiert wird das Genre vom Klang klassischer Orchester, wie aktuell im Spiel «Zelda: Breath of the Wild». Der Weg vom Videogame in den Konzertsaal ist nur noch ein kurzer.

Videogame-Musik im Konzertsaal

Dass Gamer nur für sich in dunklen Kellerräumen ihr Spiel spielen, war gestern. Seit Jahren treffen sie sich zu Tausenden in klassischen Konzertsälen, die meistens bis auf den letzten Platz ausverkauft sind.

«Video Games live» heissen diese Konzertreihen oder «Distant Worlds – Music from Final Fantasy». Dort spielen klassische Orchester wie das Royal Philharmonic Concert Orchestra.

Am Videogame-Konzert im vergangenen Oktober in der Royal Albert Hall tummelten sich im Foyer rund 7000 junge Menschen – nicht in Abendkleid und Anzug, sondern in den Kostümen der Lieblingsfiguren: Elfen, Krieger, überdimensionale Kuscheltiere.

Auf einer Bühne spielt ein Orchester, im Hintergrund eine Leinwand auf der das Spiel "Tetris" zu sehen, Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Konzertreihe «Video Games live» bringt Game-Soundtracks – wie hier von «Tetris» – auf die Bühne. Video Games live/Michael J. Trifillis

Diszipliniert wie Klassik-Hörer, laut wie Pop-Fans

«Wenn wir hier diese Emotionen und Erinnerungen an das Gamen miteinander teilen, macht das etwas Kleines und Intimes zu etwas Grossem», sagte Jonathan, der im Publikum sass.

Arnie Roth, der das Orchester an diesem Abend durch die Videospiel-Musik dirigierte, meinte euphorisch: «Die Fans sind einerseits ein extrem diszipliniertes Publikum, vergleichbar mit einem klassischen Konzertpublikum. Andererseits schreien und jubeln sie wie Groupies an einem Rock- oder Popkonzert. Weil sie so dankbar sind. Sie sind die tollsten Fans, die man sich wünschen kann».

Ist Videogame-Musik die neue Klassik? Zwar gibt es mehrere Konzertreihen, aber in die Abo-Konzerte der Sinfonieorchester hat es die Videospiel-Musik nicht geschafft.

Noch sind diese Konzerte Insiderveranstaltungen. Aber es ist nur noch eine Frage der Zeit. Denn welches Orchester will nicht den Saal voller jubelnder Elfen und Kuscheltiere haben?

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 27.11.2017, 9:02 Uhr.

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