Vom Sog der Lieder weggespült: Die Sängerin Barbara Sukowa

Als Mieze tat sie ihren ersten Schrei, als spärlich bekleidete Lola sang sie die «Caprifischer» – wenn Barbara Sukowa heute als Sängerin auftritt, dann mit Schönberg, Schumann, Weil und Protestliedern.

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Bildlegende: Seufzen, hauchen, jaulen und brüllen: Barbara Sukowa setzt beim Gesang ganz auf die Stimmung. Keystone

Eigentlich war es unmöglich, aber sie hat es mir leicht gemacht. Eines Nachmittags in einem Strassburger Hotel huschte eine blonde Mähne an mir vorbei – und ich war so kühn und sprach sie spontan an: Barbara Sukowa? Ja, sie war es. Sie gab mir ihre Mail-Adresse und als sie diesen Sommer nach Verbier ans Festival kam, gab es zwischen zwei Proben Gelegenheit für ein Gespräch. Über Stimmen, Singen und Schönheit.

Entdeckung der Stimme im Kinderchor

Angefangen hat das mit dem Singen im zarten Alter von zehn. Die gutbürgerliche Kaufmannstochter ging einmal wöchentlich ins Bremer Funkhaus und probte im Radio-Kinderchor. Dann, alle vier Wochen, leuchteten die Lampen rot auf und das Geübte wurde aufgenommen. Barbara Sukowa erinnert sich genau «an den Rattenfänger, an Max und Moritz, an die Bremer Stadtmusikanten und Till Eulenspiegel» und bezeichnet diese Erfahrung als Entdeckung ihrer Stimme.

20 Jahre später oder mehr: Barbara Sukowa hat ihre grossen Filme wie «Lola», «Rosa Luxemburg» und «Berlin Alexanderplatz» längst gedreht und ein paar Ausflüge als Erzählerin von Geschichten zur klassischen Musik mit Claudio Abbado gemacht, stösst sie auf die eigenwillige, schwer realisierbare Pierrot-Lunaire-Vertonung von Arnold Schönberg.

Schönberg gehaucht und geschrien

«Meist sind es Sängerinnen, die sich bemühen, einen Sprechton zu finden wie Schönberg ihn haben wollte», sagt sie. «Ich aber hatte Lust, als Schauspielerin die Geschichten da drin zu erzählen.» Der Inhalt dieser symbolistischen Gedichte ist ziemlich kryptisch, spielt mit Bildern vom blassen Mond und den bleichen Tüchern der Wäscherin, von finsteren schwarzen Riesenfaltern und vom Wein, den man mit den Augen trinkt.

Anstatt auf richtig getroffene Töne konzentriert sich Sukowa vielmehr auf die Stimmung, seufzt, haucht, krächzt, jault und brüllt auch mal, laut und röhrig und ohne jede Rücksicht. Der Weg hierhin aber, erzählt sie, war lang und brauchte viel Geduld: «Ich fand es sehr hermetisch und ich wollte es emotionaler machen. Und dann habe ich furchtbar, furchtbar, furchtbar lang daran gearbeitet», sagt Sukowa.

Der Traum von der Country-Interpretation

Inzwischen hat sie mit ihrem Lebensgefährten Robert Longo und andern New Yorker Künstlern eine – was ist es? eine Rockband? – gegründet. Mit Gesang, vielen Gitarren, Samples und Drums, und sie nennen sich in Erinnerung an die Country-Sängerin Patsy Cline «The X-Patsys».

«Du hör mal», soll ein Freund, ein Punk-Musiker, gesagt haben, «ich hab geträumt, wir hätten eine Band und du sangst Lieder von Patsy Cline.» Warum nicht, sagten sich die Freunde und probierten diese Cline-Songs aus. «Wir dunkelten sie ein, nahmen etwas Country weg» – und gleich beim ersten Auftritt war das Echo so gross und gut, dass sie weitergemacht haben.

Vom Sog hinweggespült

Sukowas letztes Projekt war wohl das gewagteste: die Schauspielerin singt, spricht, schreit Lieder von Schubert und Schumann. «Wir wollten, stärker als ein Sänger, auf die Texte eingehen, die Geschichten in diesen Mini-Dramen erzählen.»

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Veröffentlichungen

  • Barbara Sukowa & The X-Patsys: «Devouring Time». Winter & Winter, 2010.
  • Arnold Schönberg: «Pierrot lunaire / Solar Plexus of Modernism». Film+co. Classics, 2012 (DVD).

Zusammen mit dem Schönberg Ensemble und Reinbert de Leeuw probierte sie einfach aus: jeder brachte sein Lieblingslied, so tastete man sich vor, improvisierte verwarf, probierte neu – bis schliesslich dreimal sieben Lieder beisammen waren, «alles nur Lieder, die ich auch machen kann». Dabei schlüpft Barbara Sukowa mal in die Rolle der Erzählerin und berichtet mit fast kühler Distanz, mal lässt sie sich vom Sog hinwegspülen und wird zur Betroffenen, Leidenden, zur Heulenden und Zähneklappernden.

Für sie selber war das verblüffendste «wie rockig diese Lieder zum Teil sind. Und dafür braucht es keine schöne Stimme!» Das, sagt sie fast ein bisschen trotzig, war auch ein Grund, warum sie eine Aufnahme gemacht hat: So herrliche Lieder sollen von allen gesungen werden dürfen. Die Bestätigung dafür hat sie zuhause bekommen: als ihre drei Jungs, sonst eher an härteres gewöhnt, begannen, Schubert zu singen.

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