Von Marvin Gaye bis Beyoncé: die 6 besten schwarzen Protestsongs

Als Barack Obama zum ersten, schwarzen Präsidenten der USA gewählt wurde, war sich die Mehrheit sicher: Endlich sind wir im postrassistischen Amerika angekommen. Acht Jahre später ist die Ernüchterung gross. Nun erlebt die schwarze Protestmusik eine Renaissance. Hier unsere aktuellen Top 6.

    • 1.
      Marvin Gaye: «What’s Going On»
      Ein bärtiger Schwarzer mit einem Mikrophon vor der Brust, die rechte Hand hält er offen ans Ohr. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Keystone

      Bis in die späten 1960er-Jahre galt Marvin Gaye als Sexsymbol und Erfolgsgarant mit eher schnulzigen Balladen. Doch damit war 1971 Schluss. Gaye produzierte – zunächst gegen den Willen von Motown-Boss Gordy – den Song «What’s going on» als Teil des gleichnamigen Albums. Ein radikaler Rollenwechsel, denn Gaye äussert sich zum ersten Mal politisch.

      Das gesamte Album ist eine Bestandsaufname der gesellschaftlichen Umstände in den 1960er-Jahren: Vietnamkrieg, Verelendung schwarzer Grossstadtquartiere, Widerstand und Umweltprobleme. Es wurde sein erfolgreichstes Album, auch weil die Botschaften musikalisch in soulig-weiche Watte verpackt werden.

    • 2.
      Sam Cooke: «A Change Is Gonna Come»
      Ein junger Schwarzer spricht in ein Mikrophon, mit den Augen Richtung Himmel schauend. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Keystone

      «It’s been a long time coming, but a change is gonna come» ist vermutlich einer der hoffnungsvollsten und meist-gecoverten Sätze in der schwarzen Protestmusik. Das wichtigste Cover wurde von der grossartigen Betty Lavette und Bon Jovi bei der Inaugurationsfeier von Barack Obama am 20. Januar 2009 gesungen. Mit einer kleinen, bedeutsamen Änderung am Ende: «A change has come». Die Hoffnung nach Obamas Wahl war riesig: Endlich am Ziel. Endlich Gleichberechtigung. Wie falsch!

    • 3.
      Gil-Scott Heron: «The Revolution Will Not Be Televised»

      Gil Scott-Heron legte mit seinem Spoken-Word-Stücken den Grundstein für Rap und Hip-Hop. Seine Texte waren dabei äusserst sozialkritisch. Nicht zuletzt deshalb wird er auch der schwarze Bob Dylan genannt. «The revolution will not be televised» ist eines seiner bekanntesten Stücke, in der er darauf verweist, dass man um etwas zu ändern, zuerst seine Gedanken ändern muss. Eine solche Veränderung könne niemals im Fernsehen zu sehen sein.

      Gil Scott-Heron sprach sich mehrmals gegen bewaffneten Widerstand aus und ermahnte die neue Generation Rapper sich nicht von Geld blenden zu lassen. Gil Scott-Heron gelang 2010 ein grossartiges Comeback.

    • 4.
      Ben Harper: «Lika a King»
      Ein dunkelhäutiger Mann hinter einem Mikrophon reckt seine Faust in die Luft. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Keystone

      2001 erschien der Song auf dem Album «Live from Mars». Harper greift Ereignisse auf, die 10 Jahre zuvor in Los Angeles passiert waren: Am 3. März 1991 liefert sich der vorbestrafte Afroamerikaner Rodney King eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Grund: eine Geschwindigkeitsübertretung. Bei der Verhaftung leistet King Widerstand, woraufhin ihn drei Polizisten mit mehr als 50 Stockschlägen malträtieren.

      Als die Polizisten 1992 freigesprochen werden, brechen in Los Angeles schlimme Unruhen aus. Harpers Song ist eine Kampfansage, bei dem ihm auch der Nachname «King» hilft, einen geschichtlichen Bogen zu ziehen: «… cause Martin’s dream has become Rodney’s worst nightmare».

    • 5.
      Kendrick Lamar: «King Kunta»
      Schwarze Männer und ein kleiner Junge beim Posen. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Universal Music/Screenshot Youtube

      Kendrick Lamar ist die Stimme einer ganzen Generation junger Afroamerikaner. Seine Texte sind eine Wucht: philosophisch, sozialkritisch, radikal. Hier will jemand gehört werden. Sein 2015 erschienenes Album «To Pimp a butterfly» wird schon jetzt als eines der besten Alben überhaupt bezeichnet und wurde allein in den USA fast eine Million Mal verkauft.

      «King Kunta» ist rein musikalisch gesehen wohl der eingängigste Song des Albums. Textlich ist es eine Referenz an den Sklaven Kunta Kinte, den Romanhelden aus dem Buch von Alex Haley «Roots: The Saga of an American Family». Ihm wird im Buch nach einem Fluchtversuch der rechte Fuss abgehackt. «Everybody wanna cut the legs off him …», singt Kendrick Lamar.

      Wie bei allen Lamar Songs, muss man sich die Texte daneben legen und sie mehrmals hören. Das ist quasi Pflicht. Wenn man verstehen will, was junge Schwarze beschäftigt und was der jahrhundertelange Kampf gegen Unterdrückung für sie bedeutet, muss man Kendrick Lamar hören!

    • 6.
      Beyonce: «Formation»
      Eine Frau räkelt sich auf einem Polizeiauto, das im Wasser schwimmt. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Parkwood Entertainment LLC/Screenshot Youtube

      Wenn Soul- und R’n‘B-Queen Beyoncé bei ihrem Auftritt während des Superbowl-Finales die Black Panther zitiert, jene Untergrundbewegung, die in den 70er-Jahren zum bewaffneten Widerstand aufrief, dann sind die Zeichen klar: 1. Hier rumort etwas ganz gewaltig im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. 2. «The revolution will be televised». Und sie verkauft sich gut.

      Beyoncé hat sich hier nicht zum ersten Mal politisch geäussert. Auch sie hat bereits «A change is gonna come» gecovert. Sie und ihr Mann Jay-Z gelten als grosszügige Unterstützer Obamas. Fakt ist aber auch, dass sie eine Welttournee promoten muss. Und dass sie ihre Merchandise-Produkt-Palette erweitert hat: Neuerdings kann man auf Beyoncés Website auch T-Shirts mit ihr als schwarze Jeanne d’Arc verkleidet kaufen.

      Trotzdem: Hier ist einer der Momente, für die es sich lohnt, Popmusik zu hören. Eine politische Botschaft, die von einem Millionenpublikum bejubelt wird, sowohl live als auch im Video. Das schafft nur Queen Bey. An dem Video zu ihrem Lied «Formation» kann man sich lang nicht satt sehen: Es wimmelt nur so an Verweisen auf politische Ereignisse.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 06.04.2016 22:25

    Kulturplatz
    Schwarzer Protest

    06.04.2016 22:25

    Wer schwarz ist, macht sich dadurch bereits verdächtig, riskiert sogar, zumindest in den USA, durch eine Polizeikugel zu sterben. Hautfarbe als Handicap – dagegen protestieren Künstler, und darüber unterhalten sich Eva Wannenmacher und Angélique Wälchli, die diesen Kulturplatz gemeinsam moderieren.