Das Spiel mit dem Holzhammer

Viele Musiker geraten ins Schwärmen, wenn sie das erste Mal Hammerklavier hören. Sie loben den farbenreichen Klang, den warmen Ton. Das Hammerklavier ist aber nicht etwa ein exotisches Instrument: Das um 1700 in Italien entwickelte Klavier hat mindestens die Hälfte der Pianogeschichte geschrieben.

Mann sitzt gebeugt am Klavier. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der deutsche Pianist Andreas Staier bei einem Konzert am Hammerklavier. Keystone

Bei manchen Musikliebhabern kommt es einer kleinen Erleuchtung gleich, wenn sie ihr verehrtes Schubert-Klaviertrio das erste Mal auf einem Hammerklavier hören. Schubert klinge auf einem Instrument aus seiner Zeit weniger schwer und tragisch, der Klang sei farbenreich, warm und transparent und verschmelze so schön mit den Streichern, schwärmen sie.

Aus verschiedenen Gründen ist die Nähe zum Originalklang für moderne Ohren etwas ungewohnt: Die Holzhämmerchen, welche die Saiten anschlagen, sind kleiner als beim modernen Piano und nicht mit Filz überzogen, sondern mit Leder oder Stoff. Daher die Transparenz. Das Hammerklavier klingt wesentlich leiser, weil der schwingende Rahmen im Resonanzraum nicht aus gegossenem Eisen, sondern aus Holz gefertigt ist und die Saiten dünner sind.

Doch die Trennlinie zwischen alt und neu verschwimmt. Das Hammerklavier entwickelte sich Schritt für Schritt zum heutigen Konzertpiano.

Die Innovation: piano und forte

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Vom Hammerklavier zum Piano

1700: Erfindung der Hammermechanik durch Bartolomeo Cristofori

1730: Verbreitung und Weiterentwicklung durch Gottfried Silbermann

1800: das Hammerklavier erobert das bürgerliche Wohnzimmer

1860: das moderne Piano setzt sich durch

Der Vorläufer des Hammerklaviers ist weniger das Cembalo, als das Hackbrett. Um 1700 tüftelten verschiedene Instrumentenbauer an einer Technik, die Saiten nicht wie beim Cembalo zu zupfen, sondern sie mit einem Hammer anzuschlagen: Wie viele Scharniere sind ideal? Welche Mechanik braucht es, damit das Hämmerchen nicht auf die Saite zurückfällt und ein zweiter Ton entsteht? Wie kann die Saite gedämpft werden, damit der Ton nach dem Loslassen der Taste nicht weiter klingt? Die Lösung – eine komplizierte Mechanik – findet der italienische Instrumentenbauer Bartolomeo Cristofori. Sein Instrument nennt er «Cimbali con piano e forte».

Die Bezeichnung verweist auf die Wende im Klangideal: Endlich können auch Tasteninstrumente ihre Lautstärke ändern. Beim Cembalo gibt es für die Dynamik zwar verschiedene Register, aber das heisst: entweder leise spielen oder laut. Mit der Hammermechanik kann der Pianist nun über seinen Anschlag auch fliessend leiser und lauter werden, Decrescendi und Crescendi spielen.

Der Mercedes des frühen 19. Jahrhunderts

Klavier steht an der Wand Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In Wien kommt gegen Anfang des 19. Jahrhunderts das platzsparende Giraffenklavier in Mode, ebenfalls ein Hammerklavier. Wikimedia

Trotz dieser neuen Möglichkeiten gibt das altbewährte Cembalo bis zum Ende des 18. Jahrhunderts weiter den Ton an. Erst dann beginnen Komponisten, explizit für das Hammerklavier zu komponieren. Die Instrumentenbauer in Deutschland, England und Österreich versuchen sich gegenseitig zu übertrumpfen. In Wien kommen beispielsweise platzsparende Hammerklaviere wie das Giraffenklavier in Mode. Sein Resonanzraum steht aufrecht an der Wand, hat den Umriss einer Giraffe und ist hübsch biedermeierisch verschnörkelt.

Kompaktheit ist gefragt, weil das Hammerklavier nicht mehr nur ein Instrument für Hof und Adel ist, sondern auch ins weniger geräumige, bürgerliche Wohnzimmer Einzug hält. Hammerklavier und Klavierunterricht (vor allem für die Frau im heiratsfähigen Alter) werden zum Mercedes des frühen 19. Jahrhunderts, zum Statussymbol der oberen Mittelschicht.

Komponisten fordern kraftvollere Instrumente

In den eigenen vier Wänden ersetzt Mitte des 19. Jahrhunderts das Pianino, das heute bekannte, aufrecht stehende Klavier, das Hammerklavier. In den Konzertsälen fordern Komponisten wie Chopin und Brahms lautere, kraftvollere Instrumente mit grösserem Tonumfang – denn auch die Orchester werden immer grösser und lauter. Dieses voluminöse Konzertpiano prägt bis heute die Hörgewohnheiten.

Ein Schubert auf einem Hammerklavier heisst also nichts weiter, als einige Schritte in der Pianogeschichte zurück zu gehen. Was nun aber besser tönt – das Hammerklavier oder das vertrautere Konzertpiano – entscheidet heute nicht das Geschick der Klavierbauer, sondern allein der Geschmack der Pianisten.

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