«Es lässt mich nie kalt, wenn ich auf die Bühne gehe»

Als Kind hörte sie klassische Musik statt Spice Girls und sang im Mädchenchor des Kölner Doms. Die Sopranistin Anna Lucia Richter war schon immer ein bisschen anders als Gleichaltrige – nicht zuletzt wegen ihrer aussergewöhnlichen Stimme. Nun tritt sie am Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals auf.

Ein Foto einer Frau liegt in einer Wiese. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die deutsche Sopranistin Anna Lucia Richter entstammt einer grossen Musikerfamilie. Matthias Willi (Porträt: zvg)

Beim Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals hört die halbe Welt mit: Das Konzert wird in rund 20 europäischen Ländern übertragen. Müssen Sie sich da nicht ab und zu kneifen und sagen: Nein, ich träume nicht!

Sagen wir so: Da kommt einiges zusammen! Gustav Mahlers vierte Sinfonie gehört zu meinen Lieblingswerken. Ausserdem war Bernard Haitink, der Dirigent, in unserer Musikerfamilie stets so etwas wie ein musikalischer Heiliger. Dass ich jetzt mit ihm arbeiten darf, ist eine unglaublich schöne Aufgabe.

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Franca Pedrazzetti/LUCERNE FESTIVAL

Radio SRF 2 Kultur überträgt das Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals: Freitag, 14. August 2015, 19:30 Uhr

Man spricht auch gerne vom Nervenkostüm der Sängerin oder des Sängers. Wie ist denn das Ihre beschaffen?

Das weiss ich gar nicht so genau. Es lässt mich auf jeden Fall nie kalt, wenn ich auf die Bühne gehe. Manchmal kommt man sich vor dem Start vor wie ein Rennpferd, das mit den Hufen scharrt. Aber diesen Adrenalinstoss brauche ich. Dann nehme ich alles in Zeitlupe wahr und lebe im Augenblick. So gesehen akzeptiere ich die Nervosität und heisse sie herzlich willkommen, damit ich mein Bestes geben kann.

Erst vor kurzem haben Sie Ihr Studium abgeschlossen. Derzeit haben Sie kein festes Engagement.

Ich hätte ein paar Möglichkeiten für feste Engagements gehabt, aber ich entschied mich dagegen. Mit ein Grund war, dass ich sehr gerne Liederabende singe. Da steht man nur zu zweit auf der Bühne, wählt seinen Partner selbst aus, gestaltet das Programm, probt gemeinsam so viel wie man will – diese Art von Eigenverantwortung mag ich sehr. In einem festen Engagement wäre das nicht möglich. Ausserdem überlege ich mir sehr genau, was für meine Stimme gut ist, obwohl ich als Anfängerin gelten könnte.

Aber die Freiheit hat auch ihren Preis. Sie sind oft unterwegs, sangen in den letzten paar Monaten unter anderem bei der Schubertiade in Hohenems, in New York, Oxford, Budapest und Berlin. Wird Ihnen die Reiserei nie zuviel?

Ich bin gerade dabei herauszufinden, was wirklich wichtig ist, wenn man unterwegs ist: etwa auf ordentliches Essen zu achten oder in einem schönen zu Hotel wohnen. Da ich öfters unterwegs bin als zu Hause, versuche ich mich dort wohlzufühlen, wo ich gerade bin, und auf meinen Kräftehaushalt zu achten.

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Zur Person

Anna Lucia Richter, geboren 1990 in Köln, wurde zwischen 2004 und 2008 von Kurt Widmer (Basel) in Gesang ausgebildet, danach studierte sie an der Musikhochschule Köln. Sie ist Preisträgerin des Bundeswettbewerbs Gesang Berlin, erhielt den Luitpold-Preis des Kissinger Sommers 2011 und den Felix Mendelssohn Bartholdy Preis 2011.

Sie kommen aus einer grossen Musikerfamilie. Was war bei Ihnen zu Hause anders als bei Ihren Klassenkameraden?

Wir musizierten oft zusammen und lernten dabei, uns zuzuhören, zu verstehen und uns zu respektieren. Wenn meine Eltern abends Konzerte gaben, kam der Grossvater vorbei. Er war Pianist und fragte meinen Bruder und mich: «Was habt ihr in der Schule gesungen?» Dann sangen wir ihm vor, er begleitete uns am Klavier und zeigte meinem Bruder, welche leeren Saiten auf der Geige dazu passen würden. Wir nahmen die Stücke auf und schenkten die Kassette meinen Eltern.

Mitte der 1990er-Jahre, als Sie im Kindergartenalter waren, hörte man doch eigentlich ganz andere Musik: Roxette oder Guns N' Roses, Spice Girls oder Rammstein.

Ich habe mit grosser Leidenschaft und Freude im Mädchenchor des Kölner Doms gesungen. In der Volksschule war ich die einzige, die klassische Musik um sich hatte. Später im Gymnasium war das nicht mehr so, aber weil ich im Chor sang und oft für Konzerte unterwegs war, musste ich regelmässig Schuldispens beantragen. Vielleicht war ich deshalb ein bisschen anders als die anderen.

Können Sie sich an Ihr erstes Solo erinnern?

Natürlich! Das war sogar noch vor meiner Chorzeit. Es war das Sandmännchen in «Hänsel und Gretel». Damit die Tonhöhe passte, schrieb mir meine Mutter eigens eine Fassung. Erst kürzlich fand ich das vergilbte Notenblatt. Für dieses Solo bekam ich auch ein Kleid. Es war rot-weiss-kariert, und ich fand es sehr schön.

Mit neun bekamen Sie Ihre ersten Gesangsstunden – von Ihrer Mutter, der Sängerin und Gesangspädagogin Regina Dohmen. Was brachte Sie Ihnen bei?

Es ging nicht um Technik und Tonleitern, sondern vielmehr um meinen Körper und darum, was mit ihm passiert, wenn ich singe. Wir tanzten und bewegten uns oft während wir sangen, wir malten, spielten mit Handpuppen, hatten vor allem gemeinsam Spass. Mit 14 Jahren nahm ich Unterricht bei Kurt Widmer in Basel. Damals begriff ich, dass es zum Singen eine Technik braucht und man sich diese erarbeiten muss.

Anna Lucia Richter in einem schwarzen Kleid auf einer Treppe sitzend, die Arme aufgestützt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In der deutschen FAZ stand über Anna Lucia Richter, ihr Gesang sei wie ein Gebet: zum Niederknien. Jessy Lee

Sie reisten als 14-Jährige regelmässig von Köln nach Basel zum Unterricht?

Nicht jede Woche, aber zweimal pro Monat. Dann blieb ich ein paar Tage dort und hatte täglich Unterricht. Als ich das erste Mal allein in den Zug stieg, war ich sehr stolz. Ich kam mir sehr erwachsen vor, als ich in Basel am Bahnhof stand – den Regenschirm in der einen Hand, den Koffer in der andern – und auf dem Stadtplan meinen Weg suchte.

Das hört sich an, als wären Sie eine brave Tochter gewesen. Hatten Sie nie eine «Die Erwachsenen sind einfach nur doof»-Phase?

Natürlich gab es das und natürlich war ich nicht nur brav. Aber das Singen blieb auch in der Pubertät meine Leidenschaft. Das wollte ich ja selbst so.

Zurück zu Gustav Mahler und seiner vierten Sinfonie. Drei Sätze lang muss der Sopran warten – rund 40 Minuten –, in den letzten 10 Minuten erzählt er uns von den «himmlischen Freuden». Was ist das für eine Rolle?

Das ist genau, was man entscheiden muss: Ist das überhaupt eine Rolle? Stellt man einen Charakter dar oder ist es einfach eine weitere Stimme in der Sinfonie?

Mahler hatte diesen Satz schon für die dritte Sinfonie vorgesehen, schmiss ihn aber raus, weil er zu viel Material hatte. In dieser dritten Sinfonie überschrieb er den Satz mit «Was mir das Kind erzählt» – das ist für mich ein wichtiger Hinweis. Den interpretiere ich so: Das Kind erzählt die Geschichte des Paradieses mit einer unglaublichen Ernsthaftigkeit, obschon Mahler im Orchester mit Ironie nicht spart, und die Musik manchmal genau das Gegenteil des Textes erzählt. Das Kind ist aber nicht ironisch, sonder in seiner Kindlichkeit wahrhaftig und authentisch.

Was sind für Sie «himmlische Freuden»?

Da ich das nur aus irdischer Sicht beurteilen kann, würde ich sagen, wenn ich mich rundum wohlfühle, aufgehoben bin, mich an Leib und Leben sicher fühle, dass ich gesund bin, dass ich Leute habe, die mich lieben und die ich liebe – dann ist das für mich eine himmlische Freude.

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