Gustav Mahler war alles andere als lustig

Wer sich heute eine Sinfonie von Gustav Mahler anhört, erwartet keine Stand-up-Comedy. Aber schon die Brüche und collageartigen Elemente in seiner Musik verraten einen ganz eigenen Sinn für Humor. Doch der Humor geht bei Mahler noch viel weiter, ja er trägt bei zur musikalischen Formgebung.

Schwarzweiss Porträt eines Mannes mit ernstem Blick. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Humor bedeutet nicht gleich witzig: Der Humor bei Mahler ist eher ein Fall für Musikwissenschaftler. Wikimedia/Adolph Kohut

Mirjam Schadendorf, bei Mahler erwarte ich als Hörer vielleicht kosmische Weite, abgründige Melancholie, unendliche Liebessehnsucht – aber Humor? War er ein humorvoller Mensch?

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Das Eröffnungskonzert live

SRF 2 Kultur überträgt live am Freitag, den 14. August 2015 um 19.30 Uhr das Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals.

Joseph Haydn: Sinfonie C-Dur Hob. I:60 «Il distratto»
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 4 G-Dur

Lucerne Festival Orchestra
Bernard Haitink, Leitung
Anna Lucia Richter, Sopran

Überhaupt nicht. Er war unglaublich ernsthaft und wurde schon relativ jung zu einem verknöcherten und verbitterten Menschen. Humorvoll kann man ihn auf keinen Fall nennen.

Immerhin hat er aber ein paar sehr treffende, spitze Aphorismen geprägt, wie «Tradition ist Bewahrung des Feuers, und nicht Anbetung der Asche», oder «Österreich ist ein seltsames Land. Man muss hier unbedingt schon gestorben sein, damit einen die Leute leben lassen.»

Ja – damit war es ihm auch bitterernst. Er hat sich über den Wiener Schmäh, auch das Laissez-faire der Wiener unheimlich aufgeregt. Wenn Mahler am Dirigentenpult stand, musste alles mucksmäuschenstill sein und jeder musste ganz genau das spielen, was er wollte. Mahler selbst war ja kein Wiener, und die Idee, dass man auch ein bisschen sinnlich sein und sich am Leben freuen kann und Fünfe gerade sein lassen kann, war ihm ein Gräuel. Er war ein Knochenarbeiter und hat auch kaum über sich selbst und seine Lebensgeschichte hinausgesehen. Daran ist er letztlich auch zugrunde gegangen.

Welche Art Humor meint denn Gustav Mahler, wenn er zum Beispiel davon spricht, dass er Humoresken komponiert habe?

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Zur Person

Mirjam Schadendorf studierte Klavier, Gitarre und Flöte. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin für Musikwissenschaft an der Folkwang-Hochschule in Essen und Konzertdramaturgin der Bochumer Symphoniker. Heute ist sie freie Konzertdramaturgin. Zu Mahler publizierte sie «Humor als Formkonzept in der Musik Gustav Mahlers», Metzler 1995.

Mahler meint mit Humor etwas anderes als das Lustigsein oder Witze – er meint ein Stilmittel. Er greift zurück auf die frühe Romantik, also die Dichter, die zwei Generationen vor seiner Zeit lebten. Die unterscheiden zwischen verschiedenen Stilen: Heroisch, tragisch, idyllisch, und so weiter – und eben auch humoristisch.

Das Humoristische diente damals als Gegenbild zum Vollkommenen, das man noch das Göttliche nannte. Dieses Göttliche ist aber letztlich nicht darstellbar, es lässt sich nicht abbilden. Es ist nicht sichtbar und nicht greifbar für den menschlichen Verstand. Und als Gegenbild, als komplett irdische Spiegelung des Göttlichen, wählte man also das Humoristische. Mit seinen Fehlern und Unstimmigkeiten. Der Künstler sagt in der humoristischen Darstellung: Ich kann es nicht richtig gut (oder vollkommen) machen, also mach‘ ich es richtig schlecht. Ich gehe in die Natur, die menschliche Umwelt, bilde genau ab, was ich da sehe, und sage damit: Ich meine genau das Gegenteil!

Und mit wenn man darauf eingeht und sich sagt: Ich erlebe das Alltägliche, Banale, damit ist aber eigentlich das ganz andere, der Himmel gemeint – dann kommt man bei Mahler ganz gut zurecht.

Also: Ich sage es zum Beispiel mit einem Kinderlied, weil eine erhabene Hymne doch nie an das Göttliche heranreichen kann. Wo zeigt sich diese Art «Humor» in der Musik, woran wird er ablesbar?

An der bewusst einfachen Melodieführung (Beispiel 1). Das stufenweise Fortschreiten in ganz simplen Intervallen, die auch noch öfters wiederholt werden. Diese Art Melodie kennt man aus der Volksmusik. Auch die Tatsache, dass Mahler auf den komplexen Begleitapparat verzichtet. Obwohl er dazu ja fähig wäre wie kaum einer seiner Zeitgenossen! Er belässt es bei diesen Harfenklängen, die wie eine Gitarrenbegleitung daher kommen. Er nimmt sich ganz bewusst zurück. Das ist das «als ob»: Pass auf, irgendetwas ist hier ganz anders!

Dazu muss man natürlich wissen, dass Mahler in der Lage ist, hochkomplexe Melodien zu komponieren. Und ebenso komplexe symphonische Strukturen. Dieser Verzicht ist also ein Hinweis darauf, dass Mahler hier eine besondere Passage schreibt – eine humoristische!

Entzündet sich der «Humor» in der 4. Sinfonie an einzelnen Textstellen des Liedes «Von den himmlischen Freuden», oder bleibt das ein rein musikalischer Prozess?

Die einzelnen Textstellen verführen natürlich dazu, musikalische Analogien zu suchen. Aber das würde ich nicht so im Einzelnen tun. Auch wenn Mahler die Gedichtsammlung «Des Knaben Wunderhorn» von Clemens Brentano und Achim von Arnim immer wieder als Ausgangspunkt genommen hat für seine Kompositionen und sich sehr damit verbunden hat – der Humor ist eher ein Gesamtprinzip. In der letzten Strophe (Beispiel 2) allerdings: «Kein Musik ist ja nicht auf Erden/ Die unsrer verglichen kann werden …»

Da versucht er ja wirklich mit seiner Tonsprache die Transzendenz zu erfassen und das Göttliche zu beschreiben. Denn nach der dritten Strophe gibt es einen klaren Schnitt. Er setzt die Rhythmen ausser Kraft, lässt die Harfe etwas länger spielen. Dann gibt es harmonische Rückungen und sehr komplizierte Rhythmen – da kann man sagen: Er versucht tatsächlich, die himmlische Musik zu beschreiben.

Kann man das «Als ob» des Mahlerschen Humors verstehen, wenn man keine musikalisch/literarische Vorbildung hat?

Es ist wahnsinnig kompliziert. Auch der Rückgriff auf die frühe Romantik in der Literatur – das kann natürlich niemand beim blossen Hören leisten.

Aber wenn man nur schon etwas weiter in seine Welt hinein begeben hat, sich ein bisschen mit Mahler auskennt, dann merkt man: Oh, hier ist plötzlich ein Bruch! Auch in der ersten Sinfonie (Beispiel 3), wenn im Trauermarsch des Kinderlieds («Bruder Jakob») diese Lustigkeit ausbricht, das erschliesst sich sofort.

Doch die komplexe Bedeutung des eigentlich Gemeinten und der uneigentlichen Rede – diese Dimension des Humors bei Mahler erschliesst sich erst im Nachhinein, wenn man seine Briefe liest und weiterforscht.

Reden wir von Brüchen, gerade im Kinderparadies der 4. Sinfonie. Was ist denn mit den seltsamen Klängen für «Sankt Peter im Himmel schaut zu» (Beispiel 4) – zeigt sich hier der Humor Mahlers nicht auch?

Das ist vielleicht weniger ein Bruch, Mahler betont hier eher die strophische Struktur – alle sollen merken, hier ist jetzt ein Vers zu Ende, gleich kommt der nächste. Denn ein Lied, eine der simpelsten Formen in der Musik, in einer Symphonie, einer hochentwickelten Kunstform, ist ebenfalls ein Hinweis auf den Humor. Aber Mahler weicht hier von klassischen Regeln ab, er macht «Fehler» im Tonsatz und verweist damit auf spätmittelalterliche Musik und auf die Registerklänge einer Orgel. Er weist auf etwas Alltägliches hin, etwas irdisches, vom klassischen Tonsatz her auch Fehlerhaftes – und er nimmt die Orgel zugleich als Bild für himmlische Musik in seine Sinfonie, seine Erzählung mit hinein.

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Musikbeispiele

(1,2,4) Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 4 G-Dur, 4. Satz: Sehr behaglich. «Wir geniessen die himmlischen Freuden»
Bamberger Symphoniker
Mojca Erdmann, Sopran
Jonathan Nott, Dirigent
(3) Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 1 D-Dur «Titan», 3. Satz: Feierlich und gemessen, ohne zu schleppen
Tonhalle-Orchester Zürich
David Zinman, Dirigent

Haben denn die Zeitgenossen Mahlers «Humor» verstanden?

Man hat sich über solche Seltsamkeiten eher gewundert: Was will er damit? Und ab der fünften Sinfonie hat er Humor als Stilmittel auch abgelegt. Das ist damals kaum jemandem aufgefallen. Wenn man damals einen Musiker in Wien gefragt hätte, ob Mahler Humor hat – die hätten höchstens gelacht oder abwehrend reagiert.

Aber für uns heute ist dieser Humor, als eine Art, Widersprüche fassbar zu machen, doch sehr spannend?

Ja. Als eine Möglichkeit, aufzuzeigen: Meine Welt ist so komplex, ich kann die nicht mehr ordnen. Also lasse ich sie ungeordnet, und überspitz das noch. Das ist später im 20. und jetzt im 21. Jahrhundert immer wieder gut angekommen. Gustav Mahler hat ja auch immer wieder gesagt, dass er seiner Zeit voraus war.

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