Luzern schafft Platz für die musikalische Avantgarde

Luzern hat ein Faible für die Moderne: Auf dem Programm stehen Darbietungen neuer Musik ganz klassisch im Konzertsaal neben Konzerten in der Lounge. Gedacht für Leute, die Musik von Bach bis Xenakis mögen. Zudem gibt es die Musik-theatralischen Aktivitäten der Festival Academy.

Musikalisch-theatralische Performance mit Mann an Bass und Frau mit Klarinette. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Probe des Stückes «Heroïca» aus der Programmreihe «Young Performance». Lucerne Festival/Peter Fischli

Fläzen auf dem Sofa und dazu der Geigerin Midori lauschen und dem Bandoneonisten Michael Zisman. Die Musik: irgendetwas zwischen klassisch und Club. Das ist die Lounge im Bourbaki Kino in Luzern. Oder doch lieber zweieinhalb Stunden Hardcore-Avantgarde mit Heinz Holligers «Scardanelli-Zyklus» in konzentrierter Sitzposition im Konzertsaal des KKL, der kathedralenartigen Salle Blanche? Auch nicht? Dann vielleicht zweimal süffige Musik von Antonin Dvorak und dazwischen als Uraufführung ein Hornkonzert des deutschen Komponisten Wolfgang Rihm?

Galionsfigur Pierre Boulez

Mann am Dirigieren. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Pierre Boulez, die Galionsfigur der Festival Academy. Lucerne Festival/Priska Ketterer

Das sind einige der Facetten, wie moderne und zeitgenössische Musik am Lucerne Festival dargeboten wird. Das Festival feuert dieses Jahr aus allen Rohren. Die Moderne liegt dem Intendanten Michael Haefliger am Herzen. Für die Pflege und Weiterentwicklung neuer Musik hat er vor zehn Jahren einen der ganz Grossen an Bord seines Festivaldampfers geholt: Pierre Boulez, die Galionsfigur der damals gegründeten Festival Academy, ein Pool junger Musiker.

Jährlich erarbeiten diese zahlreiche neue Stücke und präsentieren sie im Konzert, in öffentlichen Proben und in Workshops und neuerdings sogar in einem Musik-theatralischen Format namens «Young Performance». Mit Musik von Bach bis Xenakis sollen dabei Szenen vom Liebesduett bis zur Mutprobe unter Jugendlichen gezeigt werden.

Ein Haus für Jung und Alt

Dass das Lucerne Festival ein Festival sei, das «zugleich sehr beliebt ist und der modernen Musik viel Platz einräumt», sei «eigentlich ja ein Widerspruch», schrieb der Basler Musikkritiker Sigfried Schibli. Ein Widerspruch, weil das Publikum in der Regel Neuem mit Skepsis begegnet. Den Widerspruch löst das Festival so auf, indem es neue Musik wie selbstverständlich in sein Programm integriert. Das Publikum wird so automatisch und unaufgeregt damit konfrontiert wird. Für Mark Sattler, Dramaturg für zeitgenössische Projekte am Lucerne Festival, will das Festival so die Gräben zwischen neuer Musik und traditionellem Repertoire schliessen. «Das ist alles ein Haus», sagt er.

«Composers in residence»

Junge Frauen und Männer am Musizieren. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Junge Musiker der Festival Academy. Lucerne Festival/Stefan Deuber

In diesem «Haus» gastieren jedes Jahr sogenannte «composers in residence». Heuer sind es die Koreanerin Unsuk Chin, deren Musik grosse sinnliche Qualitäten hat, und der Österreicher Johannes Maria Staud, der in Luzern eine neue Oper präsentieren wird: «Die Antilope». Dies im 175 Jahre alten Luzerner Theater. Nicht gerade der geeignetste Aufführungsort für zeitgenössische Musiktheaterprojekte. Ein besser geeigneter Ort soll dereinst die «Salle Modulable» sein. Streitereien um deren Finanzierung sind aber erst diesen Frühling beigelegt worden. Ob allerdings Michael Haefliger den Bau als Intendant noch erleben wird, ist ungewiss.

Baustelle Festival Academy

Eine andere Baustelle betrifft die Festival Academy. War das Lucerne Festival Orchestra um den dieses Jahr verstorbenen Dirigenten Claudio Abbado herum konstruiert, so ist die Academy auf die Person Pierre Boulez ausgerichtet. Der 89-jährige Boulez wird dem Festival aber nicht wie angekündigt beiwohnen. Eine Schulteroperation hat ihn zu sehr geschwächt. Seine Dirigate und das Unterrichten übernehmen diesen Sommer Heinz Holliger und Matthias Pintscher sowie der Chef der Berliner Philharmoniker Simon Rattle.

Dem Schwung, mit dem man in Luzern neuer Musik, neuen Formaten und einem neuen Publikum zuarbeitet, wird das einen Bremser geben. Erlahmen aber wird das blühende Engagement fürs Neue in Luzern deswegen sicher nicht.

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