Madegassische Lieder mit schriller Kolonialismus-Kritik

Die «Chan­sons madé­casses» des Dichters Évariste de Parny handeln vom exotischen Leben in Madagaskar, wo angeblich alles besser ist als in Europa: das Rendezvous, der Sex, das Dolcefarniente. Der Komponist Maurice Ravel hat die Gedichte authentisch vertont, obwohl er nie in Madagaskar war.

Ein Globus liegt in einem Geigenkoffer. Irgendwo in der Natur. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Komponist Maurice Ravel schaffte es, seine Musik exotisch klingen zu lassen, ohne zu Exotismen zu greifen. Matthias Willi

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Zur Person

Zur Person

Maurice Ravel wurde 1875 in den Pyrenäen geboren. Sein Vater war ein Schweizer Ingenieur. Davon wird Ravels Neigung zu einer Musik mit präzis ausgefeilter «Mechanik» abgeleitet. Ravel hinterliess ein relativ kleines Werk: Klavier- und Orchesterwerke, Kammermusik, Ballette und (Kurz-)Opern. Er starb 1937 in Paris.

Wie kam Maurice Ravel in den 1920er-Jahren auf die Idee, Gedichte eines französischen Kolonialisten aus dem 18. Jahrhundert zu vertonen?

Alles begann damit, dass Ravel von der US-amerikanischen Mäzenin Elizabeth Sprague-Coolidge den Auftrag für einige Klavierlieder bekam. Die Wahl der Texte überliess sie ihm, regte aber an, zum Klavier auch Flöte und Cello hinzuzunehmen.

Von «Einheimischen» geschrieben

Ravel folgte diesem Vorschlag. Er entschied sich, drei Gedichte des in Vergessenheit geratenen Dichters Évariste Désiré de Forges Parny zu vertonen. Dieser war Offizier und Kolonialist auf der französischen Insel La Réunion gewesen, 1787 hatte er seine «Chansons madécasses, traduites en français» veröffentlicht.

Die Gedichte sollen also angeblich von «Einheimischen» Madagaskars geschrieben und von Parny (nur) übersetzt worden sein. Dies, obwohl der Dichter nie auf Madagaskar war und Malagasy, die Sprache der Insel, nicht beherrschte.

Bombetoka Bay von oben: orangefarbene Flüsse, die ins Meer fliessen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das exotische Madagaskar (im Bild: Bombetoka Bay) regte die Fantasie von Évariste und Ravel an. Flickr/Oledoe

Ein Lob auf das Dolcefarniente

Die Gedichte handeln von altbekannten Projektionen, von Wunschbildern ferner Welten, in denen angeblich alles besser ist als im Europa der Restriktionen und Konventionen, etwa das Rendezvous und der Sex mit der Geliebten (im ersten Gedicht «Nahandove») und das Dolcefarniente des Mannes (im dritten «Il est doux»), der ganz am Schluss kurz und trocken die Frauen anweist: «Allez et préparez le repas.»

Dazwischen allerdings gibt es einen gellenden Aufschrei: Das zweite Gedicht, «Aoua», ist eine schrille Kritik am europäischen Kolonialismus mit seiner Ausbeutung und Sklaverei. Ravel vertonte diesen Text mit ebenso schrillen Akkorden – beides zum Missfallen des französischen Publikums.

Exotische Musik ohne Exotismen

Die Frage stellte sich, wie man Texte aus einer fernen Region der Welt vertonen sollte. Ravel war ja ein Meister der Mimikry. Er beherrschte sowohl die Sprache Spaniens, des Barocks und des Jazz. Die Musik Madagaskars konnte er bei der Weltausstellung von 1900 in Paris im Original hören. Erstaunlicherweise schaffte es der Komponist aber, seine Musik exotisch klingen zu lassen, ohne zu Exotismen zu greifen. Die Singstimme und die drei Instrumente gehen rhythmisch und harmonisch unabhängig ihren Weg und evozieren suggestiv die Atmosphäre der Texte.

Nur eines bleibt befremdlich: In keiner Art und Weise stellt Ravel den Orgasmus des ersten Gedichts auch musikalisch als Orgasmus dar – die Musik bleibt an dieser Stelle merkwürdig verhalten und scheint den Text völlig zu ignorieren. Was war denn da das Problem?

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