Mit Simon Rattle durch den Dschungel streifen

Die Lucerne Festival Academy ist die Talentschmiede des Lucerne Festivals – dieses Jahr auch für 40 junge Sängerinnen und Sänger aus aller Welt. Sir Simon Rattle führte sie durch eines der schwersten Chorstücke überhaupt: Luciano Berios «Coro». Was ist so verflixt herausfordernd an diesem Werk?

Dirigent mit Musikern und Sängern Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Dirigent Simon Rattle führt das Orchester und den Chor durch die schwere Partitur. Priska Ketterer/ Lucerne Festival

Wenn Simon Rattle über Luciano Berios «Coro» spricht, kann er auf Lobeshymnen kaum verzichten: «‹Coro› ist ein unvergleichliches Meisterwerk, das die nächsten 300 Jahre überdauern wird.» Der Dirigent der Berliner Philharmoniker charakterisiert das Stück von 1976 so: «Es ist ein labyrinthisches Werk, in dem viel gleichzeitig passiert, wie in einem dichten gigantischen Dschungel.»

Wegen dieser Reizüberflutung gilt «Coro» als eines der schwersten Chorstücke überhaupt. Nur selten wird es aufgeführt, denn oft fehlt die nötige Zeit, um das komplexe musikalische Geflecht sorgfältig einzustudieren. Die Lucerne Festival Academy nimmt sich die Zeit: In drei Wochen machen sich 44 handverlesene junge Orchestermusikerinnen und -musiker und 40 Sängerinnen und Sänger das waghalsige Bravourstück zu eigen.

Mit Texten aus der ganzen Welt

Für die Weiterbildung auf höchstem Niveau sind die Nachwuchstalente aus allen Ecken der Welt an den Vierwaldstätter See gereist. Dieses internationale Flair ist mehr als inspirierender Kulturaustausch: Bei «Coro» ist es auch Programm. Der Chor singt in sechs verschiedenen Sprachen, Berio collagiert Liedtexte u.a. aus Polynesien, Kroatien und der Pueblo-Indianer, und die Musik greift auf Volksliedtechniken aus verschiedenen Kulturen zurück. Den roten Faden bildet ein Satz des chilenischen Schriftstellers Pablo Neruda, eine Anklage gegen totalitäre Gewalt: «Venid a ver la sangue porlas calles.» Das heisst: «Kommt und seht das Blut auf den Strassen.» Ein Statement für den Frieden, erst recht, wenn es aus der Kehle von Sängerinnen und Sängern aus der ganz Welt kommt.

Das Besondere und Herausfordernde an «Coro»: Die Sängerinnen und Sänger sind nicht nur als Kollektiv gefragt, sondern auch als Solistinnen und Solisten. In den ersten zwei Wochen der Akademie hat der Chordirigent James Wood die Sängerinnen und Sänger zur Einheit geformt und ihnen die Angst vor dem Solo genommen, Takt für Takt und Stimme für Stimme.

Sänger und Bassisten nebeneinander im Orchester. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sänger und Musiker bilden in «Coro» Paare und sitzen zusammen. Priska Ketterer/ Lucerne Festival

Ganz neue Herausforderungen

In der dritten Woche dann die Tutti-Probe mit Simon Rattle. Schon die Sitzordnung verrät die nächste Tücke an «Coro»: Der Chor steht nicht wie sonst geschlossen hinter dem Orchester, sondern die Sängerinnen und Sänger sind im Orchester verteilt. Sie sitzen Seite an Seite mit ihrem Partnerinstrument. Die Sopranistin neben der Querflöte, die Altistin neben der Klarinette, der Tenor neben dem Cello, und so weiter.

Für Luciano Berio ist das ein Bruch mit der Tradition – für die Sänger eine Knacknuss, erzählt der Tenor Timothy Stoddard aus New York: «Es ist ein sehr ungewohntes Gefühl, weil ich die anderen Sängerinnen und Sänger nicht höre und mich in der Orchestermasse manchmal ziemlich verloren fühle.» Die Wegweiser setzt Simon Rattle: Behutsam und freundlich gibt er den Schlag an, feilt mit gewitzten und anschaulichen Anweisungen an den Details und führt die Sängerinnen und Musiker durch die Partitur, eine Landkarte, nennt er die.

Stimmgabel für den Notfall

Um sich nicht im Dschungel zu verlaufen, braucht es aber noch mehr als den Blick nach vorn: die Sängerinnen und Sänger müssen hoch konzentriert sein, innerlich mitzählen und immer auf das Partnerinstrument hören. Für den Notfall haben sie einen Kompass dabei, erzählt die Sopranistin Mereth Roth aus Zürich: «Das Stück ist melodisch komplex und hat so viele Toncluster, dass es kaum Referenztöne gibt. Also müssen wir an manchen Stellen die Stimmgabel zücken und uns zur Orientierung das ‹a› holen.»

Bei der Aufführung am vergangenen Samstag – die Krönung der Lucerne Festival Academy – kennen die Sängerinnen und Sänger jeden Winkel des Werkes. Darauf ist die Mezzosopranistin Coline Dutilleue aus Belgien stolz. Sie ist an Berio gewachsen: «Es gibt wirklich ein vor-‹Coro› und ein nach-‹Coro› für mich. Das Stück ist eine Essenz des Lebens. Ich habe meinen Platz im Ensemble gefunden. Und das gibt mir vielleicht das Handwerkszeug, um auch meinen Platz im Leben besser zu finden.»

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