Opern fand sie mal langweilig, heute ist sie Sopranistin

Die Bernerin Marysol Schalit steht seit fünf Jahren auf der Opernbühne in Bremen – jetzt war sie für die Mendelssohn Musikwoche Wengen zurück in ihrer Heimat. Im Interview spricht sie über die Faszination des Theaters, verstaubte Opern und warum sie doch Sängerin wurde.

Marysol Schalit, Sie haben für Ihren klassischen Liederabend im Rahmen der Mendelssohn Musikwoche Wengen nicht nur eine Pianistin mitgebracht, sondern ungewöhnlicherweise auch einen Schauspielkollegen aus Bremen: Er rezitiert Texte, Sie singen Lieder. Haben Sie ein besonderes Flair für Worte?

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Marysol Schalit live hören

Die Berner Sopranistin Marysol Schalit war am 18. August 2015 Gast bei der Mendelssohn Musikfestwoche Wengen. Ihren Liederabend können Sie in der Sendung Weltklasse nachhören, am 25. August 2015 um 22:00 Uhr auf SRF 2 Kultur.

Schon seit meiner Studienzeit schwebte mir vor, einen Liederabend mit Texten zu verweben. Sei es in Form von Gedichten, eines Briefwechsels oder freigewählten Kurztexten. Oder gar um eine Geschichte zwischen den Liedern und den gelesenen Texten entstehen zu lassen. Johannes Kühn und ich haben verschiedene Ideen geprüft, unter anderem auch den Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann. Doch hängengeblieben sind wir bei den Aufzeichnungen aus «Orte» von Marie Luise Kaschnitz.

Was hat Sie daran fasziniert?

Es sind kurze, tagebuchartige Texte, die einen auf eine bewegte Reise mitnehmen durch verschiedenste Orte und Seelenlandschaften. Kaschnitz' Beobachtungen eignen sich hervorragend, um unterschiedliche, wundervolle Lieder miteinander zu verbinden. Zwischen der Schriftstellerin, den Komponisten und deren Dichtern kamen für uns immer mehr Verknüpfungen und Gemeinsamkeiten zum Vorschein. So ist ein poetischer Liederabend entstanden wie von Ansichtskarten geleitet.

Was kann das gesprochene Wort, was die Musik nicht kann? Es heisst sonst immer, die Musik knüpft da an, wo das Wort aufhört.

Oder manchmal vielleicht auch umgekehrt! Für mich hat ein Werk grossen Reiz, wenn es sich zwischen der gesprochenen Sprache und dem gesungenen Text bewegt, wie wir es etwa aus dem Singspiel kennen. Es gibt durch den gesprochenen Text eine zusätzliche Ausdrucksmöglichkeit, die eine weitere Ebene zulässt. Vielleicht eine direktere Ebene, die durch die Sprache erst belebt wird. Gesang ist Musik, und ein gesungener Text ebenfalls. Es ist eine Kunstform, eingehüllt in eine Stimmung, eine Emotion und dementsprechend gesetzt. Natürlich gibt's auch hier die freie Interpretation – aber das Wort steht alleine, ist unabhängig und viel freier. Es erreicht den Menschen im besten Sinne auf eine sehr konkrete und natürliche Art und Weise.

Wie haben Sie überhaupt zum Singen gefunden? War das Zufall oder gelenkter Wunsch Ihrer Eltern?

Das war Zufall, Schicksal, eine Fügung – oder wie auch immer Sie es nennen wollen. Meine Eltern sind zwar Musiker, aber ich wurde von ihnen nie in eine Richtung gelenkt. Ich wollte eigentlich Schauspielerin werden und habe eines Tages per Zufall in einem Artikel gelesen, dass es für Schauspielschüler von Vorteil wäre, Gesangsunterricht zu nehmen. Ich spielte damals Klavier und tauschte einfach meine Klavierstunden in Gesangstunden um. Denn gesungen habe ich schon immer gerne. So begann ich mit 18 Jahren an der Musikschule in Burgdorf mit dem Singen, weil ich mich auf die Schauspielprüfung vorbereiten wollte.

Was ist passiert, dass Sie sich doch anders entschieden haben?

Meine damalige Lehrerin meinte, dass ich unbedingt Gesang studieren sollte. Doch klassischer Gesang? Dafür konnte ich mich mässig begeistern, ich fand Opern langweilig und Soprane sangen mir zu hoch. Doch dann kam mein Schlüsselerlebnis: Ich konnte noch während dem Gymnasium am Stadttheater Biel-Solothurn in einem Musical mitwirken, und ich realisierte, dass sich hier Gesang, Sprache und Spiel miteinander verbinden lassen. Also öffnete ich meine Sinne und besuchte neben Theatervorstellungen auch Opern. Ich durfte feststellen, dass es auch Opern und Sänger gibt, die nicht verstaubt daher kommen!

Was machen denn «nicht verstaubte» Sänger anders? Oder anders gefragt: Was können Sie einem jungen Menschen sagen, der Opern etwas sehr Künstliches findet?

Ich kann diese Ansicht sehr gut verstehen, aber sie beruht auf einer sehr konventionellen und traditionellen Ansicht von Oper. Immer mehr versuchen Regisseurinnen und Regisseure die Oper zu öffnen, sie spartenübergreifend zu verbinden. Sie fordern von uns Sängern natürliche Glaubwürdigkeit, Flexibilität und Eigensinn. Ein Stück lebt und fällt durch die Inszenierung, durch die Sänger und die Musik. So weiss man nie im Voraus, wie ein Stück werden wird. Also kann ich nur empfehlen: Geht hin, setzt euch rein, lest vorher die Geschichte und geniesst den Abend – wenn er denn zu geniessen ist.

Mit was für einem Stück beginnt ein Opern-Neuling Ihrer Ansicht nach am besten?

Das ist schwer zu sagen, die Geschmäcker sind verschieden. Probiert es aus, lasst Euch Empfehlungen von aktuellen Vorstellungen geben, über die Inszenierung, über die Sänger und das Stück. Und glaubt nicht jeder Kritik.

Jetzt stehen Sie zwar regelmässig auf der Opernbühne, doch im Berner Oberland haben Sie einen Liederabend gegeben. Also keine Kostüme, kein Agieren auf der grossen Bühne – wie können Sie da trotzdem ihre schauspielerische Ader ausleben?

Die Lieder leben geradezu von Farben und Stimmungen. Jedes Lied könnte für sich eine kleine Szene auf der Opernbühne sein, doch alles ist viel subtiler. Es ist reich an Details und fordert eine enorme Präzision bei der Interpretation und Wiedergabe. Gerade weil das Lied so schlicht und pur ist und wir nichts überspielen können, ist es eine grosse Herausforderung, alles Spielerische in die Musik und in den Gesang hineinzupacken. Das geschieht in Form von Farben, Nuancen, Empfindungen, Betonungen, Affekten, minimalen Bewegungen und Ausdruck. Eine wundervolle Arbeit.

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