Spielen Sie uns das Lied vom Tod, Herr Hindemith

Der deutsche Komponist Paul Hindemith vertonte drei Gedichte aus Eduard Reinachers Sammlung «Todes Tanz» – keine einfache Aufgabe. Die Texte lassen kaum Raum für musikalische Interpretation. Doch Hindemith hat es geschafft, dem Werk einen ganz eigenen Klang zu geben.

Ein Totenkopf liegt auf einem Notenheft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Paul Hindemith zeichnet zuerst Elend, doch dann stirbt auch der Tod und die Welt erblüht in einem neuen Frühling. Matthias Willi

Merkwürdig: zwei junge Männer, beide fasziniert vom Tod. Der eine ist der Elsässer Dichter Eduard Reinacher. Kurz nach dem Abitur entdeckte er in Basel Hans Holbeins «Totentanz». Obwohl kein Griesgram, wurde dem poetisch veranlagten Student schlagartig bewusst: Das war sein Thema! 1918 begann er seine grosse Gedichtsammlung «Todes Tanz». Bis zum Ende seines Lebens 1968 sollte er daran arbeiten.

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Zur Person

Zur Person

Paul Hindemith auf einem Ölgemälde von Rudolf Wilhelm Heinisch, 1956. Wikimedia/Rudolf Wilhelm Heinisch

Paul Hindemith, geboren 1895, war Komponist, Violinist und Bratscher. Er beginnt in einer spätromantischen, dann expressionistischen Musiksprache, am Ende findet er zu einem neoklassizistisch geprägten Stil mit barocken Fugen sowie jazzigen Tänzen. Vor den Nazis flieht er 1940 in die USA, später lebt er in der Schweiz. Er stirbt 1963 in Frankfurt.

Eine frühe Fassung des Werks entdeckte der damals 26-jährige Komponist Paul Hindemith, der mit provokanten Werken wie «Mörder, Hoffnung der Frauen» Skandalerfolge feierte. Hindemith beschloss, drei Gedichte aus Reinachers Werk in einem Zyklus zu vertonen. 1922 entstand innerhalb von drei Tagen «Des Todes Tod, op. 23a». Einen Monat später schrieb Hindemith ein weiteres «Todeswerk» und vereinte die beiden Kompositionen im gleichen Opus: «Die junge Magd, op. 23b».

«Lockere Stellen» für die Interpretation

Hindemith war anfänglich skeptisch gewesen, ob sich die Gedichte für die Vertonung eignen würden, wie er in einem Brief an Reinacher schrieb: «Wenn ich aus einem Gedicht ein Lied machen soll, muss es lockere Stellen haben, die vom Dichter gewissermassen ausgespart sind, freigelassen für den Komponisten, derart, dass die Musik hier gebraucht wird. Du aber arbeitest selbst auf deine Art als Musiker, es bleibt mir kein Raum, das Eigene beizutragen.»

Darum schuf sich Hindemith diese «lockeren Stellen» selbst. Er gab den Instrumenten zwischen der Deklamation der Singstimme Raum. Das Werk hat einen ganz eigenen Klang. Während die Stimme schmucklos-schlicht den Text singt, malen die tiefen Instrumente Bratschen und Celli einen nachtdunklen Grund, der musikalisch aber ganz eigenständig ist. Hindemith vermeidet alles Üppige; im letzten Lied spielt nur noch eine der beiden Bratschen zum Gesang der Stimme.

Dabei ist der Zyklus nicht durchwegs düster – im Gegenteil: Zwar zeichnet er zuerst Elend und Tod des Menschen, evoziert dann den Tod Gottes, der auch mal etwas Ruhe haben möchte, doch im dritten Gedicht stirbt dann auch der Tod und die Welt erblüht in einem neuen Frühling.

Alles, was nicht gesagt ist, sagt die Musik

Reinacher wollte Hindemith später anregen, auch seine jüngeren Texte zu vertonen. Doch dieser lehnte angesichts von Reinachers neuem «musikalisierten» Stil ab: «Du musst bedenken, dass die Musik die Worte wie Gummi zieht und so das Stück mit etwa zwanzig multipliziert. Die ganz kurze und knappe Sprache, wie Du sie in Deinen früheren Totentänzen hast, eignete sich viel besser. Für die Musik ist die schmuckloseste und kürzeste Sprache die beste. Alles, was darin nicht gesagt ist, sagt die Musik.»

Vielleicht war das auch Hindemiths höfliche Art zu sagen, dass er mit Reinachers spätromantisch-verstiegener Dichtkunst in den modernen 1920er- und 1930er-Jahren nicht mehr viel anfangen konnte. Der Komponist hatte sich unterdessen anderen Themen und einem anderen musikalischen Stil zugewandt.

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