Wie es das Arbeiterkind Ivor Bolton ans Dirigentenpult schaffte

Der englische Star-Dirigent Ivor Bolton übernimmt ab Herbst 2016 das Sinfonieorchester Basel. Davor war er mehr als zehn Jahre lang Chef des Mozarteum-Orchesters Salzburg. Angefangen hat er aber ganz woanders: Als Arbeiterkind im englischen Nordwesten.

Ein Portrait von Ivor Bolton. Sein Foto klemmt in einem Notenständer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ivor Bolton findet, klassische Musik sei ein Luxus, der auch der Arbeiterklasse zugänglich sein müsse. Foto: SRF/Matthias Willi, Bild Ivor Bolton: PD

Ivor Bolton war der absolute Wunschkandidat am Rheinknie, sowohl der Musiker als auch der Stiftung und Findungskommission des Sinfonieorchesters Basel. Die eierlegende Wollmilchsau sozusagen. Heisst hier konkret: Bolton weiss historisch informiert mit Haydn, Mozart und Beethoven umzugehen, lässt gleichzeitig das zeitgenössische Repertoire nicht links liegen und ist ein ausgewiesener Operndirigent. Also überall einsetzbar.

Ein Cembalist und Ausnahmetalent

Das kommt nicht von ungefähr: Angefangen hat er als Cembalist in einer Zeit, in der in England die historische Aufführungspraxis, das Suchen nach dem Originalklang, starke Akzente setzte. Bolton fing Feuer und gründete 1984 in London sein eigenes Barockorchester, die St. James Baroque Players. Weiter ging es als Chefdirigent des Scottish Chamber Orchestra‘s und der Glyndbourne Festival Opera, ehe es ihn dann aufs europäische Festland zog.

Er arbeitete an der Bayerischen Staatsoper in München, wo er insgesamt 17 Neuinszenierungen stemmte, oder dann – seine bisher vielleicht wichtigste Station – in Salzburg, wo er im Moment die letzte Saison als Chefdirigent bestreitet. Eine Position, die er in der Geburtsstadt Mozarts seit 2004 innehat.

Vom Kirchenchor an die Cambridge University

Dabei hat Ivor Bolton ganz unten angefangen. Er stammt aus dem britischen Arbeitermilieu. Geboren wurde er 1958 in Blackrod, Lancashire als Sohn einer Näherin und eines Zugschaffners. Über den örtlichen Kirchenchor kam er in Kontakt mit klassischer Musik. Die Grammar School, das staatliche Gymnasium, bot ihm eine exzellente humanistische Allgemeinbildung, die es ihm ermöglichte, an der Cambridge University zu studieren – mit dem ursprünglichen Ziel Mathematik wohlgemerkt.

Es kam anders, Bolton verlor sein Herz endgültig an die Musik und ging couragiert seinen Weg. All dies sei nicht selbstverständlich für ein Arbeiterkind in England, betont Bolton heute in Interviews, und plädiert für eine Bildungslandschaft auf hohem Niveau, die allen sozialen Schichten zugänglich bleibt.

Klassische Musik ist kein elitärer Zirkus

Ivor Bolton ärgert sich, wenn in seiner Heimat die Schliessung von Opernhäusern und Orchestern damit legitimiert wird, dass es sich hier um eine Vorliebe der gebildeten und gutsituierten Schichten handelt. Er hält dagegen, dass zum Beispiel an deutschsprachigen Opern- und Konzerthäusern die günstigen Plätze tatsächlich an ein Publikum gehen, das sich die teureren Karten niemals leisten könnte: Studenten und Senioren.

Klassische Musik ist ein Luxus, aber er muss dennoch für alle zugänglich bleiben. Auch hier muss möglich sein, was bei anderen Kultursparten gang und gäbe ist, nämlich dass sich jedermann und -frau zum Beispiel ein Buch oder einen Museumsbesuch leisten kann.

In England hingegen sei die Kultur nur eine von vielen Optionen. Man überlege sich, ob man in den Golfklub oder in die Oper gehen soll. Bolton nervt sich manchmal über die Briten, fügt aber bescheiden an: Vielleicht sollten wir das mit der Musik alles nicht allzu ernst nehmen und uns bewusst sein, dass wir Entertainer sind. Auch wenn wir glauben, wir machen grosse Kunst, sind wir doch Entertainer.

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