Wenn Luzifer im Oratorium singt

Über 300 Jahre dauerte der Dornröschenschlaf des Weihnachtsoratoriums von Giovanni Lorenzo Lulier. Dabei wäre diese Musik alles andere als zum Schlafen – sie zeichnet sich mehr durch italienische Dramatik aus als durch Besinnlichkeit.

Eine Krippe unter dem Stern von Bethlehem. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Neben den wenig überraschenden Rollen von Maria und Josef hat auch der Teufel seine Rolle in Lulier Oratorium Wikimedia

Roma 1698. Es geht gegen Weihnachten. Kardinal Pietro Ottoboni braucht unbedingt noch passende Musik für das Fest, ein so genanntes «Componimento sacro». Den Kompositionsauftrag dafür vergibt er praktisch jedes Jahr. Schliesslich ist er einer der bedeutendsten Musikmäzene im Italien des 17. Jahrhunderts.

Ein «Oratorio con concertino e concerto grosso all’usanza di Roma» soll es werden, also ein Oratorium mit einem Orchesterpart, der sich an das damals in Rom angesagte Concerto Grosso anlehnt. Und wer könnte das besser als der «Erfinder» des Concerto Grosso, Arcangelo Corelli, Ottobonis Musikdirektor und persönlicher Freund.

Eine riesige Besetzung

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Sendehinweis

Giovanni Lorenzo Lulier: Weihnachtsoratorium (Rom 1698) – Konzert vom 5. Dezember in der Peterskirche Basel, Leitung: Rinaldo Alessandrini. 25. Dezember, 20 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Warum der Auftrag dann nicht an Corelli ging, sondern an dessen Kollegen Giovanni Lorenzo Lulier, das weiss niemand so genau. Tatsache ist, dass Ottoboni diese Entscheidung anscheinend nicht bereute, denn er liess das entstandene «Componimento sacro per la nascita del Redentore» aufführen, ohne an Mitteln zu sparen: Um die «120 tra musici e suonatori» sollen es gewesen sein, darunter die besten Instrumentalisten und Sänger der Stadt. Eine riesige Besetzung.

Die Originalpartitur dieses Oratoriums belegt die Zusammenarbeit zwischen Lulier und Corelli: Es gilt als sicher, dass vor und zwischen den von Lulier geschriebenen Arien, Rezitativen und Chorstellen instrumentale Concerto-Grosso-Teile von Corelli platziert wurden. Und Corelli war es auch, der die Aufführungen leitete.

Auftritt Luzifer

Das Werk aber ging wieder vergessen. Erst in den 1990er-Jahren entdeckte es die Musikwissenschafterin Agnese Pavanello in der Vatikanischen Bibliothek wieder. Bald setzte sich bei ihr der Wunsch fest, diese aussergewöhnliche Weihnachtsmusik auch zur Aufführung zu bringen.

Ihren Wunsch konnte sie jetzt bei der Schola Cantorum Basiliensis (SCB) umsetzen, wo sie heute arbeitet. Am 5. Dezember erklang das Werk unter der Leitung des italienischen Barockspezialisten Rinaldo Alessandrini in der Basler Peterskirche.

Hinter Luliers Oratorium steckt, was Komposition und Wiederentdeckung betrifft, eine interessante Geschichte. Doch auch die Handlung weist bemerkenswerte Eigenheiten auf. Neben den wenig überraschenden Rollen von Maria, Joseph, einem Hirten und einem Engel hat noch ein anderer einige prominente Auftritte: Luzifer! Er soll das Volk und den Adel an die allseits drohende Häresie erinnern. Ein kirchenpolitisches Statement des Klerikers Ottoboni, der das Libretto verfasst hat.

Das Böse lauert überall

Das Böse lauert überall und ist zu allem bereit, so die – wenig frohe – Botschaft. Luzifer stachelt den Kindermörder Herodes auf. Das entgeht natürlich auch dem im Oratorium anwesenden Engel nicht. So kommt es, neudeutsch ausgedrückt, zum sängerischen Showdown in einer Doppelarie, in der der Engel die Vergeblichkeit des Vorhabens besingt, und Luzifer mit schlimmen Leiden droht.

Maria wiegt währenddessen ihren Sohn in den Schlaf und denkt an alles, was dem Kind noch bevorsteht im Leben. Auch Joseph ist geplagt von einer Vision des gekreuzigten Jesus, und möchte am liebsten sterben, um die Schmerzen seines Sohnes zu vermeiden.

Besinnliche Weihnachtsmusik ist das nicht. Sie hat einen Stachel, der ihr eine andere Qualität gibt, eine stärkere Topografie wenn man so will: Höhen und Abgründe.

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