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Legende: Audio Wo der Mythos Woodstock lebt: ein Besuch am Pol'and'Rock abspielen. Laufzeit 16:43 Minuten.
Aus Kontext vom 14.08.2019.
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Pol’and’Rock Festival Ist dieses polnische Festival das neue Woodstock?

In Polen begibt sich ein Musikfestival auf die Spuren von Woodstock. Ein Streifzug durch eine blumige Menschenmenge.

Hippies, Rocker, Familien mit Kindern, junge Leute in knapper Kleidung: Die bunte Karawane aus Feierwütigen ist am Ziel. Schwer bepackt mit Planen, Kühltragetaschen, Zelten, Schwimmringen.

Manche verkleidet als flauschiges Einhorn, andere barfuss oder bunt geschminkt mit Blumen im Haar, Jugendliche im Rollstuhl oder mit Blindenstock.

Für drei Tage verwandelt sich ein ehemaliger Truppenübungsplatz im polnischen Kostrzyn in eine Stadt für sich: vier Hauptbühnen, Freiluftdusche, Fressmeile, Missionare aller Religionen, Menschen vieler Nationen und aller Altersklassen.

Viele junge Leute laufen auf einem Platz.
Legende: Jährlich treffen sich rund 700'000 Leute in Kostrzyn, um Spass zu haben und Musik zu hören. Igor Kohutnicki

Security gibt es keine, keine Taschenkontrolle, keine Zäune. Gezeltet wird da, wo man will, irgendwo auf dem staubigen Acker. Viele bauen ihr Zelt dort auf, wo sie gerade stehen oder liegen.

Hommage an Woodstock

Bis vor einem Jahr hiess das Pol’and’Rock noch Haltestelle Woodstock, erzählt Krzysztof Dobies, Sprecher des Festivals – als Hommage an das legendäre Musikfestival von 1969 in den USA.

«Als das echte Woodstock stattfand, war Polen eine komplett andere Welt. Bei uns herrschte tiefster Kommunismus. Wir hörten erst spät von Woodstock, aber es faszinierte die Leute», erklärt Dobies.

Ein Mann steht im Sonnenblumenfeld und streckt die Arme aus.
Legende: Nach dem Kommunismus ab nach Amerika: Der Journalist Jerzy «Jurek» Owsiak war fasziniert von der Hippiebewegung. Michal Klimek

Das friedliche Zusammensein der Menschen, die Musik, die Hippiebewegung – das faszinierte auch den polnischen Journalisten und Musiker Jurek Owsiak. 1994, nach dem Ende des Kommunismus in Polen, reiste er mit einigen Freunden nach Amerika zum Woodstock II, das zum 25. Jubiläum des originalen Woodstock-Festivals veranstaltet wurde.

Mythos lebt weiter

Ein Jahr später organisierten sie das erste Haltestelle Woodstock-Festival. 2018 mussten sie es aus markenschutzrechtlichen Gründen umbenennen. Das polnische Woodstock war inzwischen gewachsen, eine eigene Marke geworden und den Organisatoren des Woodstock von 1969 zu gross.

«Unser Festival war eine Hommage an das echte Woodstock, aber es war auch ein Vorstoss, diese Kultur nach Polen zu übertragen», so Dobies. «Wir glauben Woodstock hat die Welt verändert. Es hat Polen verändert. Und machte unser Festival so erst möglich.»

Ein Bandfrontman auf einer Bühne. Im Hintergrund
Legende: Glitzer und Riesenrad: Die Band Gogol Bordello dieses Jahr auf der Pol'and'Rock-Bühne. Marcin Michon

Der Mythos von Woodstock lebt hier weiter. So wie damals in Bethel bei New York, gelten auch in Kostrzyn Liebe und Gewaltlosigkeit als Prinzipien des Miteinanders.

Konzert ab Band

Zur Eröffnung des Festivals gibt’s Santanas «Soul Sacrifice» und Jimi Hendrix’ Version der US-amerikanischen Nationalhymne vom Band. Eine junge Frau schwimmt in der Menschenmenge vor der Hauptbühne.

Die den Einzelnen tragende Gemeinschaft ist – neben dem Freiheitsgefühl – Teil des Woodstock-Mythos von 1969. Wie damals, als es in Woodstock heftig regnete, wälzt man sich auch in Kostrzyn ausgelassen im Schlamm, dank Feuerwehr und Wasserwerfer.

Für Familien mit Kindern gibt es ein Kids-Village mit Spielplatz. Alkohol ist hier wie auch im Krishna-Dorf verboten. Kinder lassen sich hier schminken, es gibt Yogakurse, Meditation, viele tanzen mit den Krishnas, die alle bunte indische Gewänder oder Saris tragen.

Eine Frau hilft einem Kind, es zu Schminken.
Legende: Auch im Krishna-Dorf kommen die Kleinen auf ihre Kosten: mit Blumen, Schminke, Yoga und viel Tanzen. Damian Jedrzejewski

Abseits der Hauptbühne hat sich die Akademie der Bildenden Künste Warschau eingerichtet. Ein Ort, an dem junge Menschen mit bekannten Politikern, Künstlerinnen, Musikerinnen, Schauspielern und religiösen Führern zusammentreffen können.

Buntes, inklusives Festival

Dieses Jahr stehen die Rechte der Schwulen und Lesben im Fokus. Ein aktuelles Thema nach dem Angriff von rechtsextremen Hooligans auf die LGBT-Parade im ostpolnischen Bialystok am 20. Juli 2019.

Vor allem dieses Rahmenprogramm ist den Konservativen ein Dorn im Auge – die Diskussionen mit regierungskritischen Prominenten und Intellektuellen.

Dass jedes Jahr hunderttausende Jugendliche aus ganz Polen zum Pol’and’Rock strömen, gefällt weder der Kirche noch der nationalkonservativen Partei PiS.

Eine Menschenmenge auf einem Konzertgelände.
Legende: Ein Festival für das Publikum: «Wir organisieren dieses Festival nicht, um reich zu werden», sagt Krzysztof Dobies. Damian Mekal

Die polnische Polizei hat das Musikfest wegen angeblich potenzieller Terroranschläge und Prügeleien als eine Veranstaltung «mit erhöhtem Risiko» eingestuft. Doch all das hindert die Menschen nicht daran hierherzukommen. Auch im August 2019 findet das Festival wieder statt.

Für viele ist das Festival ein Pflichttermin. Barry aus dem Spreewald reizt, dass das Festival so bunt ist. «Es gibt Metal, Hippies, Punks, Gothics, sogar Nazis laufen hier rum und es funktioniert», sagt der 36-Jährige.

«Für mich bedeutet dieses Festival Freiheit», sagt Simon. Gosia ergänzt: «Jeder kann hier sein, wer er will und keiner verurteilt dich dafür. Das ist schön, jeder ist willkommen.»

Leute rennen auf einem Festivalgelände.
Legende: Grosses Publikum, gute Laune, gemischte Musik: Am Pol'and'Rock Festival ist für jeden was dabei. Pawel Krupka

Auch taube, blinde oder bewegungseingeschränkte Menschen. Piotr etwa sitzt im Rollstuhl. Der 23-Jährige ist alleine unterwegs: «Das ist kein einfaches Gelände für einen Rollstuhl. Aber alle helfen dir hier. Das ist so toll!»

Das neue Woodstock?

Das Pol’and’Rock unterscheidet sich also von anderen Festivals, auch weil es nicht kommerziell ist. «Wir organisieren es nicht, um reich zu werden. Wir machen es fürs Publikum. Die sollen Spass haben», sagt Dobies.

«Aber wir wollen auch die Toleranz und Offenheit füreinander fördern. Und den Leuten zeigen, dass wir Gewalt, Aggression, Hass und jede andere Art solchen Verhaltens nicht dulden.»

Leute machen Yoga.
Legende: Neben Konzerten gibt's auch ein Entspannungsprogramm: Yoga und Meditation am Festival. Marta Szpakowska

Der Mythos, die Realität

Viele Veranstaltungen in Polen, die ein weltoffenes, proeuropäisches, liberales Polen bieten, seien in den letzten Jahren boykottiert worden. «Das hier ist also auch ein bisschen das Jahrestreffen des liberalen Polens», so der 36-jährige Festivalbesucher Barry.

Ist das Pol’and’Rock also das neue Woodstock? «Nein!», sagt Barry. Das echte Woodstock sei mystifiziert worden. «Es war komplett kommerziell und äusserst schlecht geplant. Es war kein Akt der Nächstenliebe. Das polnische Festival verkörpert, was Woodstock hätte sein sollen!» Hier wird der Mythos gelebt.

Über das Festival

Das Pol’and’Rock ist das grösste kostenlose Open-Air-Festival Europas. Vom 1. bis am 3. August 2019 feierten in Küstrin an der Oder (Kostrzyn) auch in diesem Jahr wieder Hunderttausende Gäste aus ganz Europa. Es ist die 25. Auflage des früher als «Haltestelle Woodstock» bekannten Festivals.

Veranstalter der Reihe ist seit 1995 die Warschauer Stiftung «Grosses Orchester der Weihnachtshilfe», die damit vor allem ihren freiwilligen Helfern dankt, die jedes Jahr in Polen Spenden für Kinderkrankenhäuser sammeln. Musikerinnen und Bands spielen am Festival für eine reduzierte Gage.

2017 hatte die polnische Polizei das Festival als Veranstaltung mit erhöhtem Risiko eingestuft. Grund war auch die Terrorgefahr nach dem Anschlag von 2016 im etwa 100 Kilometer entfernten Berlin. Kritiker empfinden die strengen Sicherheitsauflagen als Schikane.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Stefan Frei  (Fred)
    Woodstock ist und bleibt einmalig. Kein anderes Festival wird je die Bedeutung wie Woodstock erlangen. Der Veranstalter, Barry 36jährig, war zu dieser Zeit noch nicht einmal geboren und doch masst er sich an ein solch negatives Urteil über Woodstock zu fällen. Ich meinte, dieser Typ sollte sich besser darum kümmern sich die Nazis vom Festival fernzuhalten. Das ich nicht lache, lobt sich und „sein Festival“ und macht sich die Nazis zum lieb Kind wohl aus Angst sich klar dagegen zu positionieren.
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  • Kommentar von Peter Amthauer  (Peter.A)
    Woodstock war nicht als das geplant, zu dem es geworden ist.
    Man kann dieses Festival nicht nachahmen.
    Wer das versucht, ist nicht in der Lage etwas Neues entstehen zu lassen.
    Neues entsteht nur, wenn man alte ausgetrampelte Wege verlässt, wenn man seinem Herzen und seinem Lebensgefühl folgt. Damit meine ich nicht das Ausleben persönlicher Dekadenz und Partylust. Man sollte schon eine Vision haben, ein Ziel, dass man gemeinsam erreichen will.
    MfG
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