Zeit für ein Comeback des Didgeridoos?

Mitte der 1990er-Jahre war das Didgeridoo auf Schweizer Strassen, an Seeufern und Lagerfeuern omnipräsent. Dann plötzlich verstummte es. Nach jahrelangem Schweigen aber flammt das Interesse für das australische Instrument wieder auf. Eine kleine Schweizer Geschichte des Didgeridoos.

Aborigine mit Didgeridoo, im Hintergrund die Oper von Sidney. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Didgeridoo: Das klassische Instrument der australischen Aborigines ist auf Schweizer Strassen selten geworden. Reuters

«Ich erinnere mich an die vielen fragenden und Stirn runzelnden Gesichter, als ich zum ersten Mal Didgeridoo in einer Schweizer Kirche gespielt habe» sagt Willi Grimm, Pionier der Schweizer Didgeridoo-Szene. Das Instrument der Aborigines ist Anfang der 1970er-Jahre in der Schweiz noch unerhört – auch im übertragenen Sinne: «Dieses heidnische Instrument», sagt der Berner überspitzt, «halbnackt auf dem Boden sitzend spielend – und wir haben das damals in der Kirche, neben der Orgel gespielt – das war für einige Menschen ein Affront.»

Aller Anfang ist schwer

Nachdem Willi Grimm Ende der 1960er-Jahre einige Zeit bei den australischen Aborigines gelebt und das Didgeridoo kennengelernt hat, nimmt er zehn Instrumente mit in die Schweiz und bringt als erster Schweizer das Digeridoo auf die Bühne. Aber die Zeit war noch nicht reif: «Es folgten zehn, fünfzehn happige Jahre. Ich war ganz alleine mit meiner Begeisterung.»

Das ändert sich Mitte der 1980er-Jahre, als die Esoterik-Szene aufschwingt. Willi Grimm ist überzeugt, dass dieser Zeitgeist für die Bekanntheit des Didgeridoos eine wichtige Rolle gespielt hat: Joachim Ernst Behrend veröffentlicht «Nada brahma – die Welt ist Klang» und schreibt darin, dass sogar Halme auf der Bergwiese singen und Sauerstoffteilchen in C-Dur klingen.

Glanzzeit des Didgeridoos

Sätze wie «Zurück zur Natur» oder «Weniger ist mehr» werden für viele zum Leitsatz. «Da passte das Didgeridoo absolut rein. Man spielt einen Ton – einfacher geht es ja nicht mehr», so Willi Grimm. Der Berner ist überzeugt, dass neben dem Zeitgeist auch die Tourismus-Branche eine wichtige Rolle für den Durchbruch des Didgeridoos gespielt hat. Nicht nur reisen viel mehr Schweizer nach Australien, immer öfter kommen auch Aborigines in die Schweiz und stellen ihr Instrument vor.

Das Didgeridoo-Virus beginnt zu grassieren und Mitte der 1990er scheint das Rohr fast allgegenwärtig zu sein: Strassenmusiker spielen es, Australiennostalgiker an Lagerfeuern und Seeufern. Und es bildet sich eine professionelle Szene, eine sehr kleine: Vier bis fünf Didgeridoo-Spieler können davon leben. Auf den Erfolgsszug springen auch Festival-Organisatoren auf. 2001 wird das «Swizzeridoo» gegründet, das jährlich 1000 Zuhörerinnen anzieht.

Verkannte Vielseitigkeit?

Nach zehn Jahren Boom nimmt das Interesse am Didgeridoo Ende der Nullerjahre ab. Übersättigung, vermutet Willi Grimm. Für ihn als professionellen Didgeridoo-Spieler haben aber auch die leidenschaftlichen Laien das Instrument zu einseitig gespielt, was ihm einen schlechten Ruf eintrug. Ausserdem ist der exotische Reiz verschwunden. Nicht nur in der Schweiz, auch im Ausland.

Nach dem Tief der letzten Jahre spürt der professionelle Didgeridoo-Spieler Roman Buss heute wieder einen Aufschwung: «Meine Workshops sind besser besucht als noch vor ein paar Jahren.» Warum? Der Biberister kann es nicht genau sagen, aber er mutmasst: «Vielleicht hat es mit der Hektik unseres Lebens zu tun, wir suchen einfach wieder etwas mehr Ruhe. Und dazu passt das Didgeridoo.»

Zeit für ein Comeback

Auch Willi Grimm findet: Es ist Zeit für ein Hoch. Gemeinsam mit Roman Buss ruft er das «Swizzeridoo» wieder ins Leben. Am 12. und 13. September finden in der Berner Musigbörse Workshops und Konzerte statt. Wer weiss, vielleicht erklingt der sonore Klang des Didgeridoos bald wieder öfter auf den Strassen, an Seeufern und Lagerfeuer.

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