Alle im Blick: Das Panopticon als Vorreiter der Überwachung

Ein Panopticon ist das perfekte Gefängnis: Ein einziger Wächter überwacht alle Gefangenen. Der Philosoph Michel Foucault nahm dieses Modell als Sinnbild der totalen Überwachung in einem demokratischen Staat. Diese abstrake Idee wurde nun durch das Überwachungsprogramm Prism konkret.

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Bildlegende: Das Stateville Correctional Center im US-Staat Illinois wurde 1925 eröffnet und nach dem Panopticon-Vorbild gebaut. Interfoto/Mary Evans

Der britische Philosoph Jeremy Bentham prägte im 18. Jahrhundert ein Konzept, das die Überwachung vieler Menschen von einem einzigen Standpunkt aus möglich machte: das Panopticon. Die Gefangenen können sich gegenseitig nicht sehen, allein ein Wächter im Turm hat alle im Blick: ein ringförmiger Bau, in der Mitte ein Turm. Es ist der architektonische Entwurf eines perfekten Gefängnisses, in dem sich keiner verbergen kann.

Das Panopticon ist für den Philosophen Michel Foucault Sinnbild des modernen Staates. «Es ist das Modell einer zentralisierten Überwachung», sagt Philipp Sarasin, Geschichtsprofessor an der Universität Zürich, «und, wie Foucault sagt, einer demokratischen Überwachung. Es ist kein König, der dort in der Mitte sitzt, sondern ein Angestellter, der im Namen irgendeiner Macht diese Bevölkerung gefangen hält. Das können Schüler, Arbeiter oder Kranke sein. Es ist ein Modell für viele Formen der Überwachung.»

Permanente Überwachung

Entwickelt hat das Modell der britische Philosoph Jeremy Bentham am Ende des 18. Jahrhunderts. Mit dem Panopticon wollte er die Gefängnisse reformieren und körperliche Züchtigung überflüssig machen. Foucault übertrug dieses Modell in den 1970er-Jahren auf die Gesellschaft: Unter dem Druck der permanenten Überwachung verhalten sich alle konform und produktiv – so die Annahme.

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Bildlegende: Der Philosoph Michel Foucault sieht das Panopticon als Sinnbild des modernen Staates. Keystone

«Dieser zentralisierte Aufseher hat Einblick in alle Zellen, kann alle beobachten und weil der Gefangene weiss, dass er jederzeit gesehen werden kann, beginnt er sich entsprechend zu verhalten», sagt Philipp Sarasin.

Der Einzelne verinnerlicht die Mechanismen dieser Macht. Sie bestimmt sein Handeln und formt ihn zum bürgerlichen Subjekt. «Der Subjektbegriff von Foucault kreist um die Vorstellung, dass es keinen autonomen Wesenskern eines Subjekts gibt, das von gesellschaftlichen Beziehungen unberührt bleibt», so Sarasin. «Wir sind Produkte von gesellschaftlichen Verhältnissen, von den Diskursen, von Machtverhältnissen.»

Der Mensch als Produkt, die Freiheit als Illusion: Bei Foucault verschwindet die klassische Vorstellung des Menschen «wie ein Gesicht am Meeresstrand».

Das falsche Versprechen

Doch hat das Freiheitsversprechen des Internet etwas an der Auswegslosigkeit einer solch düsteren Perspektive verändert? «Das Panopticon ist eine Maschine mit ganz vielen Leuten drin, die aber alle isoliert sind», sagt Historiker Sarasin. «Foucaults Punkt war ja, die können untereinander nicht kommunizieren: Es geht darum, gemeinsames Handeln zu unterbinden. Und das Netz hat erst einmal als riesiges Versprechen funktioniert, als grosse Möglichkeit, uns zu organisieren, nach unseren Präferenzen, ohne dass irgendjemand zentral sagt – zum Beispiel ein Nationalstaat oder ein Verein – ihr müsst euch jetzt so oder so organisieren.»

Das digitale Ich ist eine Illusion

Doch nicht wir, sondern grosse Unternehmen organisieren unsere digitale Identität. Soziale Netzwerke fordern uns auf, unser Selbstbild neu zu entwerfen. Wir begrüssen die Überwachung durch Andere, weil wir uns dadurch unserer eigenen Existenz versichern. «Man möchte als Subjekt sehr gerne vom grossen Anderen gesehen werden, man möchte von der Allgemeinheit erkannt werden, als Einzelner. Deswegen zeigt man sich de facto sehr gerne», sagt Philipp Sarasin.

Auch das digitale Ich ist eine Illusion. Unsere Wünsche werden von Algorithmen geformt. Am Ende steht nicht die Vernetzung, sondern die Vereinzelung. «Diese Maschinen, diese Roboter sind fähig uns zu individualisieren, weil wir unsere Präferenzen überall im Netz kundtun», so Sarasin. «Wir werden auf uns selbst fixiert, auf unsere eigenen Wünsche. Es gibt im Spätwerk von Foucault die Denkfigur des Fixiertwerdens auf sich selbst als Machttechnik.»

Prism als modernes Panopticon

Foucault selbst hat das Internet nicht mehr miterlebt – und doch hat er schon vor mehr als 30 Jahren skizziert, wie totale Überwachung funktioniert. Die Kontrollgesellschaft braucht Individuen, die der Illusion der Freiheit erliegen.

«Wir haben ja geglaubt, wir hätten das Panopticon überwunden, und jetzt fallen wir darauf zurück und merken, vielleicht ist die NSA tatsächlich diese zentrale Beobachtungsposition, die nicht jedes einzelne Telefongespräch mithört, aber wir wissen, da gibt es gibt die Möglichkeit die Muster so rauszufiltern, dass der Einzelne adressiert und fixiert werden kann», so Philipp Sarasin.

Die abstrakte Figur des Panopticons ist im Sommer 2013 durch das Überwachungsprogramm Prism konkret geworden. Für einen Moment hat sich gezeigt, wer in dem Turm sitzt. Und bald könnten ganz andere Mächte folgen.