Die Absurdität totaler Öffentlichkeit

Hasan Elahi lebt seit 10 Jahren vollständig öffentlich. Wo er gerade ist und was er gerade tut, lässt sich alles live auf seiner Website verfolgen. Der amerikanische Künstler ist überzeugt: Dieser Verzicht auf Privatsphäre führt zu mehr Anonymität.

Hasan Elahi geriet vor zehn Jahren ins Fahndungsraster des FBI. Weil er einen arabisch klingenden Vornamen hat und jährlich etwa 100‘000 Flugmeilen zurücklegt. Nach einem Flug von Westafrika in die USA wurde der in Bangladesch geborene Amerikaner tagelang festgehalten und verhört. Diese Prozedur drohte ihm nun nach jedem Flug, denn: Ist man einmal auf der «Terror Watch List» des FBI, bleibt man in der Regel drauf. Um eine weitere Festnahme zu vermeiden, beschloss er, sein ganzes Leben öffentlich zu machen. Das FBI soll immer wissen, wo er gerade ist und was er gerade tut.

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Bildlegende: Hasan Elahi ist in Bangladesch geboren und in den USA aufgewachsen. Sein Name weckte beim FBI Verdacht. zvg

Burger. Toiletten. Betten

Seitdem wird sein Standort via GPS übermittelt und auf seiner Website auf einer Karte angezeigt. Auf seiner Website trackingtransience.net sind Hunderte von Mahlzeiten zu sehen, die Elahi zu sich genommen hat. Hunderte Betten, in denen er geschlafen hat. Sogar Toiletten, die Elahi benutzt hat. Sein Projekt zeigt die Absurdität des gläsernen Menschen, wie sinnlos es sei, wenn alle noch so uninteressanten Handlungen und Daten aller Menschen öffentlich sind.

«Gerade weil jedes Detail meines Lebens öffentlich ist, bin ich komplett anonym», behauptet Elahi. Eine interessante Vorstellung in einer Zeit, in der die Überwachung von Bürgern ein so grosses Ausmass erreicht hat. Elahis These klingt einleuchtend: Ein Besuch seiner Website zeigt, wie mühsam es als Geheimdienstagent sein muss, sich durch eine Unmenge von Non-Informationen zu kämpfen – irrelevante Fakten, nichtssagende Bilder. «Wer schaut sich all diese Toiletten an, die ich poste?», fragt sich Elahi zu Recht.

Ein uninteressantes Leben

Wären alle Daten aller Menschen online zugänglich, würde das sehr viel Rauschen generieren. «Da bräuchte man eine enorme Zahl von Analysten, die dieses Material sichten», so Elahi.

Natürlich, Computer werden besser, Analysemethoden effizienter. «In vielen Teilen der Welt haben die Fenster keine Vorhänge. Bleiben die Leute deswegen vor den Häusern stehen und schauen rein? Nein, sie gehen weiter. Warum? Weil alle Fenster offen sind und das, was dahinter zu sehen wäre, uninteressant ist.» Elahis Vorliebe für indisches Essen ist in der Tat uninteressant. Aber was ist mit dem Bankauszug seines Kontos? Was mit dem privaten Mailverkehr zwischen ihm und seinem Arzt? Solche Dinge sind auf seiner Website nicht zu sehen.

Eine neue Form von Privatsphäre

Hasan Elahi macht seit zehn Jahren eigentlich nur das, was heute viele Menschen in sozialen Netzwerken tun: sagen, wo sie sind. Was sie tun. Essen fotografieren. Und formt damit sein digitales Ich. Denn, so Elahi, «wenn wir unser digitales Ich nicht selbst formen, tut es jemand anders. Und das ist gefährlich.»

Bei der Spionage ging es in der Vergangenheit darum, Informationen zu sammeln. Das ist heute nicht mehr notwendig, denn jede Information ist schon in einer gut analysierbaren, digitalen Form vorhanden. «Früher hiess Privatsphäre: Alles für sich behalten, nichts sagen. Heute haben wir diese Wahl gar nicht mehr, da in der digitalen Welt viele unserer Daten öffentlich sind. Der Hauptunterschied ist: Wie viel Information über dich ist vorhanden? Und wie viel davon ist dir bewusst?»

Ein kleines Dorf vor 100 Jahren

Hasan Elahi vermutet, dass man früher nicht mehr Anonymität hatte. Den heutigen Zustand vergleicht er mit einem kleinen Dorf zu Beginn des letzten Jahrhunderts: «Damals hat jeder Bewohner alles über alle anderen gewusst. Heute geht das wieder in dieselbe Richtung – mit der Ausnahme, dass diese Leute auf der ganzen Welt verteilt sind.» Und das sei gar nicht so problematisch – so lange man selbst bestimmen könne, was man preisgeben will, ergänzt Elahi.

Für sein Projekt «Tracking Transience» erntete er weltweit Bewunderung. Nicht zuletzt auch, weil er es damit geschafft hat, dem FBI die Stirn zu bieten. Ob er damit zeigen kann, dass die persönliche Offenlegung von privaten Daten zu mehr Kontrolle darüber führt, ist ungewiss. Sein wichtigstes Ziel hat Hasan Elahi zumindest erreicht: Er kann wieder um die Welt reisen, ohne an jedem Fluhafen abgefangen zu werden.