Die Wikipedia ist weiblich – ihre Autoren aber fast nur männlich

Seit 2001 sammelt Wikipedia das Wissen der Welt – auf freiwilliger Basis, kostenlos und in 280 Sprachen. Frauen sind bei der Online-Enzyklopädie allerdings in der Minderheit. Im Vorfeld zum Internationalen Tag der Frau lud die renommierte britische Royal Society nun zum Redigiermarathon für Damen.

Ein Frau sitzt im Dunkeln vor einem Laptop. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Es gibt noch viel zu tun für eine bessere Frauenquote bei Wikipedia. Reuters

«Der typische Autor von Einträgen für die Online-Enzyklopädie ist 26, männlich und ein Streber» sagte vor Jahren Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. «Die meisten hören bald wieder auf, weil sie heiraten oder sich anderen Dingen zuwenden.»

Darüber, wie man Wikipedia-Fans stärker an die gemeinsame Sache binden könne, zerbricht man sich beim Betreiber des Projekts, der gemeinnützigen Wikipedia-Foundation in San Francisco, schon lange den Kopf.

«Uns laufen die Freiwilligen davon!», lautet die Klage. Eine andere betrifft den Anteil der Frauen unter den weltweit rund 21 Millionen als Autoren registierten Usern. Laut jüngsten Untersuchungen werden nur knapp 13 Prozent sämtlicher Artikel von Mitarbeiterinnen verfasst.

Komplizierte Schreibregeln

Auch dies sah Wikipedia-Gründer Wales schon früh ein: «Die meisten Schreibregeln sind zu kompliziert und für neue Nutzer unverständlich.» Um wieder mehr Mitmacher zu gewinnen, soll das Reglement vereinfacht werden.

John Byrne, ein Wikipedia-Fan der ersten Stunde, ist genau darauf spezialisiert. Seit Januar ist der Brite im Nebenberuf «Wikimedianer-in-Residence» der Londoner Royal Society. Einmal in der Woche kümmert er sich um die Onlinepräsenz der Gelehrtengesellschaft, und zwischendurch veranstaltet er Schreibkurse für Wikipedia-Neueinsteiger.

«Geburtshelfer des Wissens»

Wie man programmiert, eine Wikipedia-Seite aufbaut und den fertigen Text mit Audio- und Bilddateien verknüpft, erklärte Byrne jetzt den 20 Teilnehmerinnen seines «Editier-Marathons» in der Royal Society: Studentinnen, Lehrerinnen, Hausfrauen und Professorinnen.

Seine Rolle als Wikipedia-Dozent der Society beschreibt Byrne als die eines «Geburtshelfers des Wissens». «Die Royal Society ist publizistisch selbst sehr aktiv», sagt Byrne: «Sie veröffentlicht ihre eigenen Materialien, unter anderem die traditionsreichen ‹Philosophical Transactions›, das älteste naturwissenschaftliche Fachblatt der Welt. Sie will künftig jedoch auch ihre Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich machen. Und dafür sorgen, dass Wikipedia-Einträge im Bereich Naturwissenschaften ein anspruchsvolleres Niveau erreichen. Auch das gehört zu meinen Aufgaben.»

Männerbastion Wissenschaft

Wikipediakurs für Frauen an der Royal Society. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wikipediakurs für Frauen an der Royal Society. Wikimedia/Katie Chan

Auch die Royal Society hat ein Problem mit der Gleichstellung von Frauen in ihren Reihen. Bis fast drei Jahrhunderte nach ihrer Gründung 1660 – zu Zeiten Isaac Newtons – blieb die Institution eine reine Männerbastion. Die erste Wissenschaftlerin, die als «Fellow» in den Forscherklub aufgenommen wurde, war 1945 die Kristallographin Kathleen Lonsdale.

Lonsdales biographischer Wikipedia-Eintrag sei durchaus akzeptabel, findet die Neurologin und «Edit-a-thon»-Teilnehmerin Gina Rippon: «Viele Artikel sind ausgezeichnet, auch die in meinem Spezialgebiet quantitative bildgebende Verfahren. Andere hingegen sind viel zu knapp, überholt und zum Teil ausgesprochen unseriös.»

Was die Frauenquote im Riesenreich Wikipedia betreffe, gebe es noch viel zu tun, meint die Professorin: «Wenn wir Schüler fragen: ‹Kennt ihr erfolgreiche Wissenschaftler?› fallen den Kindern in der Regel Nobelpreisträger ein. Und das sind überwiegend Männer. Besser wäre es, wir könnten sagen: ‹Auch Frauen haben Vorbildliches geleistet, nur stehen viele nicht im Lexikon.› Die Kinder haben das Recht, sie kennenzulernen.»