Drei Gründe, warum wir im Internet auf Listen klicken

In den USA machen Listen schon länger Schlagzeilen: «10 beste Dies», «5 Ursachen für Jenes». Jetzt ist der Listen-Wahn auch in der Schweizer Netzwelt angekommen. Der «Blick am Abend» ist online gegangen – und mit ihm listenweise Listen. Warum ist auf einmal das ganze Netz voller Listen?

Auf einer Tafel stehen die englischen Begriffe "good" und "bad". Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Besten-Listen, «Schlechten-Listen»: Ein neuer Netz-Trend ist es, die Welt in Listen darzustellen. Colourbox

Listen vermitteln uns ein gutes Gefühl: Im Alltag haken wir To-Dos ab oder erstellen eine Pro-und-Contra-Liste. Auf einer Liste ist alles im Blick, alles im Griff.

Das haben die Medien, allen voran die neuen Medien, erkannt. Im Netz wimmelt es nur so von Listen: «Die 20 gefährlichsten Drogen der Welt», «Die 10 häufigsten Knast-Bestellungen» oder «9 Dinge, die Städter nerven». Eine Liste im Titel funktioniert wie ein Köder. Wir klicken reflexartig darauf und wollen den Artikel lesen. Aber warum?

1. Was in einer Liste steht, scheint wichtig zu sein

Wir surfen in einem unüberschaubaren Datenmeer. Wir sind überfordert. So treiben wir dahin, lesen hier und dort einen Titel und warten, bis wir auf einen vielversprechenden Inhalt stossen. Wenn dann ein Titel auftaucht wie «Die 10 besten Bücher» werden wir neugierig: Der Titel klingt gut, mehr noch, nach dem Besten. «Listen suggerieren immer Wichtigkeit», erklärt der Schweizer Sprach- und Medienwissenschaftler Daniel Perrin. Seiner Meinung nach hilft uns eine Liste, ein vermeintlich Ganzes mit wenig Aufwand zu verstehen. Sie ist kurz, knapp und klar; das heisst: wichtig!

2. Eine Liste ist überschaubar

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Daniel Perrin

Der Sprach- und Medienwissenschaftler Daniel Perrin ist Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW Zürich in Winterthur mit dem Schwerpunkt Medienlinguistik.

Im Internet hängt alles irgendwie mit allem zusammen. Die Ordnung im Internet ist so verheddert, dass Zusammenhänge in den Untiefen des Netzes häufig versteckt bleiben. Da bietet die Liste einen willkommenen Ausguck: Erstens, zweitens, drittens. Wir sehen, was uns erwartet, was wir kriegen. Wie am Buffettisch: «Man nimmt ein bisschen was, dann noch was, und noch was», beschreibt Daniel Perrin unser Leseverhalten im Netz. «Es ist schön, wenn man weiss: Das gibt es alles.» Eine Liste zeigt uns auf den ersten Blick, was uns erwartet, was wir kriegen können – und das in kleinen schmackhaften Häppchen.

3. Eine Liste hat ein Ende

Die unendlichen Weiten des Internets übersteigen unseren Horizont. Wenn wir im Netz lesen, dann sehen wir nicht, wo der Text zu Ende ist, wie lange wir runterscrollen müssen. Bei einer Liste ist das klar: Wenn sie drei Punkte beinhaltet, ist danach Schluss.

Aber, was bringen uns all diese Listen im Netz? Lernen wir aus ihnen tatsächlich mehr als aus anderen Texten? Der Medienwissenschaftler Daniel Perrin sagt Jein: «Es gibt Leute, die sich tatsächlich am besten Dinge merken können, die in Listen dastehen, die man auswendig lernen kann. Und es gibt Leute, die brauchen ein Gesamtbild, einen Spannungsbogen.»

Sicher ist auf jeden Fall: 2013 wird als Jahr der Listen-Titel in die Geschichte des Internets eingehen. Und: Sie haben schon einen Namen: «Listicles». Eine Wortneuschöpfung aus den englischen Wörtern «list» und «article».

«Listicles», ein Phänomen, das über den grossen Teich zu uns herübergeschwappt ist. Und das, wie alles andere auch, nicht inflationär gebraucht werden sollte. Sonst verliert es seinen Reiz – und an Glaubwürdigkeit.