Kunst, die durch Abwesenheit glänzt

Die Website «Gallery of lost art» setzt auf Kunst, die verloren ist: verschollen, zerstört, vergangen, verändert. Festgehalten wird sie in Fotos und Texten. Der Blick auf das Abwesende und den Verlust macht deutlich, was Kunst sein kann: kreativer Ausdruck, aber auch mahnendes Zeitzeugnis.

Leerer Rahmen auf einer glamourösen Stofftapete. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Magie des Verlorenen: Die «Gallery of lost Art» macht den Besucher zum Entdecker. Colourbox

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Lagerhaus. Verlassene Schreibtische laden zum Stöbern ein. Es ist sogar ausdrücklich erwünscht. Jeder Schreibtisch gehört einem Künstler oder einer Künstlerin. Die Namen: Francis Bacon, Joseph Beuys, Frida Kahlo, Otto Dix, Eva Hesse, Richard Serra, Jean Tinguely, um nur einige zu nennen.

Auf den Schreibtischen liegen Fotos von ihren Kunstwerken. Nicht irgendwelche, sondern jeweils nur eines, und das ist verloren. Das bedeutet hier: verschollen, zerstört, geraubt, ausrangiert, vergangen, verändert, attackiert, abgelehnt oder zerfallen. Und das Beste: Sie dürfen die Werke anschauen und in den daneben liegenden Zeitungsartikeln und Fotos wühlen. Dieses Erlebnis beschert einem die Website «Gallery of lost art» von der Londoner Tate Modern.

Richard Serra wurde abgelehnt

Unter den abgelehnten Künstlern findet sich Richard Serra. Sein massiver Stahlbogen «Tiled Arc», der in der City von New York stand, wurde von der Bevölkerung gar nicht gutgeheissen: Er blockiere den Durchgang über den Federal Plaza. Das Volk bekam Recht und seitdem liegt es zerlegt in einem Lager.

Jean Tinguelys noch intakte «Homage to New York» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Tinguelys erste selbstzerstörende Maschine: Das Experiment glückte, obwohl die Feuerwehr eingreifen musste. David Gahr, Co.: The Estate of David Gahr, Museum Jean Tinguely

Jean Tinguely hat‘s kaputt gemacht

In der Rubrik «vergangen» zeigt ein Foto Jean Tinguelys selbstzerstörende Maschine «Hommage to New York». Seine erste, die als Ziel die eigene Zerstörung hatte. Daneben auf dem Schreibtisch: Fotos von der Maschine in Aktion und Zeitungskritiken von 1960, als sich das Werk zerstörte. Die Konstruktion soll so fehlerhaft gewesen sein, dass die Feuerwehr am Präsentationsabend eingreifen musste. Trotz des kurzen Lebens des Werkes hat «Hommage to New York» Weltruhm erlangt.

Ein Beispiel für «gelöscht» ist die Zeichnung von Willem de Kooning die – im Einverständnis des Künstlers – von Robert Rauschenberg wegradiert wurde. Rauschenberg benötigte dazu mehrere Wochen und verschiedene Radiergummitypen, bis er erfolgreich war. Die Online-Galerie zeigt ein ungefähres Bild des Originals, das durch eine Infrarotkamera erstellt werden konnte.

Composition I 1919, Öl auf Leinwand Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kandinskys Composition I wurde während des Bombardements der Briten im 2.Weltkrieg zerstört. Wassily Kandinsky

Verlorene Kunst als Zeitzeugnis

Der Blick auf das Verlorene ist ein anderer als auf das Existierende. Der Verlust von Kunst macht klar, wie viel mehr hinter dem abwesenden Kunstwerk steht. Klar, es geht um Ideen und Konzepte von Künstlern, aber auch um Zeitzeugnisse: Zerstörte oder beschädigte Kunst kann Grenzen von politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen aufzeigen.

Ein komponiertes Sammelsurium

Auf den Schreibtischen der «Gallery of lost art» kann man nicht nur Kunstwerke aus den letzten 100 Jahren auf hochauflösenden Fotos anschauen, sondern auch erfahren, wann das Werk verschwunden ist und wie es in das Schaffen der Künstler einzuordnen ist. Zusätzlich finden sich Zeitungsartikel aus der Zeit, Fotos, Notizen, Interviews, die den Künstler, die Zeit und das verlorene Werk dem Besucher näher bringen.

Die Darstellung über Schreibtische macht das Anschauen der Objekte sehr übersichtlich. Zwischen den Schreibtischen steht in grossen Lettern auf dem Boden des Lagerhauses, zu welcher Art des Verschwindens die darum gruppierten Schreibtische gehören.

Konsequent bis zum letzten

Über das preisgekrönte Projekt haben unter anderem «The Huffington Post» und «The Guardian» berichtet. «The Guardian» geht sogar so weit und nennt die «Gallery of lost art» eine virtuelles Forschungszentrum, das in einer Krimi-Atmosphäre die verlorenen Werke ausstellt. Und auch in den Online-Communitys kommt das Projekt durchwegs gut an.

Ausserdem verfolgt die «Gallery of lost art» ihr Thema sehr konsequent. Es werden nicht nur verlorene Kunstwerke gezeigt, sondern auch die Website selbst ist nur noch bis zum 2. Juli 2013 online – danach geht sie in den Weiten des Internets verloren.