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Netzwelt «NowThis News» macht die Nachrichten der Zukunft

«NowThis News» verbreitet Nachrichten über Facebook, Twitter und Instagram – zugeschnitten auf die soziale, mobile Generation. 40 Millionen Leute schauen sich das jeden Monat an. Und auch die traditionellen Medien sind darauf aufmerksam geworden. Aber kann man das überhaupt noch Nachrichten nennen?

Ed O’Keefe im Studio von NowThis News.
Legende: Passt Nachrichten an die Zielgruppen an: Chefredaktor Ed O'Keefe im Studio von «NowThis News». SRF/Michaël Jarjour

News auf Snapchat? Da grinst sogar der Mann, der dafür verantwortlich ist. Snapchat, vielen noch unbekannt, ist eine Messaging-App, auf der sich Jugendliche Fotos schicken können, die nach nur wenigen Sekunden wieder verschwinden. Nacktfotos beispielsweise. Ed O'Keefe verschickt an seine Nutzer aber keine derartigen Bilder, sondern echte Nachrichten.

NBC investiert in das News-Baby

Ed O'Keefe ist der Chefredaktor des neuesten Unternehmens von Huffington Post-Mitbegründer und Buzzfeed-Aufsichtsrat Ken Lerer. «NowThis News» heisst das Unternehen mit Sitz im New Yorker Shopping-Viertel Soho. TV-Monitore an bunten Wänden, eine Reihe von Schreibtischen, Mikrofone, Kameras, ein kleines Studio am Ende des Raumes, zwei helle Sitzungszimmer am Anfang. Hier stand Ed O'Keefe, und rief an einem Freitagmorgen: «Wow, eine richtig gute Woche ist zu Ende.»

In dieser Woche hatte sich das Unternehmen ein bisschen neues Geld beschafft. NBC, das Zuhause einiger der meistgesehenen News-Sendungen der USA, hatte sich bei NowThis News eingekauft und besitzt heute zehn Prozent an dem etwas über ein Jahr alten News-Baby.

Massgeschneidert für soziale Medien

Das neue Töchterchen von NBC News tummelt sich auf denselben Kanälen wie unsere Töchter (und Söhne) auch: Auf den grössten sozialen Netzwerken. «Wir produzieren Nachrichten massgeschneidert für jede dieser Plattformen», sagt Ed O'Keefe nach der Redaktionssitzung. An diesem Tag wurden bei NowThis News der Geburtstag von Michelle Obama und die Rede ihres Mannes zum NSA-Skandal als wichtigste Themen festgelegt. Diese Neuigkeiten erschienen auf Instagram, dem Foto- und Video-Netzwerk von Facebook, Vine, dem Video-Netzwerk von Twitter und den beiden sozialen etablierteren Netzwerken selbst – genau wie eben auch bei Snapchat.

Snapchat-News für die unter 20-Jährigen

«Snapchat ist sicher unsere… einzigartigste Plattform», schmunzelt O'Keefe. «Das Publikum ist sehr, sehr jung. Wir bringen denen ernste Themen – auf eine sehr visuelle Art und Weise. Und sie machen mit, sie schreiben dir zurück. Es ist grossartig.» Das sieht so aus: Ein Nachrichten-Bulletin besteht aus mehreren Bildern, auf die Redaktoren Text legen können oder per Finger auf dem Touchscreen Dinge malen können.

«Verhaftet», hat ein Redaktor über ein Foto von Hunter Moore gekritzelt. Moore ist der Erfinder einer Internetseite, auf denen Nutzer Nacktfotos derer hochladen können, die ihnen das Herz gebrochen haben. Und unter seinem Bild steht nun: «Für das Hacken von E-Mail Konten», daneben: «Rache-Porno, König.» Zur selben Zeit hatte CBS News, eine der respektiertesten Nachrichtenquellen des Landes, dieselbe Geschichte serviert, mit dem Titel «Macher von ‹Rache-Porno›-Seite, Hunter Moore, verhaftet».

Sind das noch Nachrichten?

Auch die Geschichte, die NowThis News am Tag meines Besuchs auf Instagram präsentiert hatte, war auf den Titelseiten der anderen Medien: «Eine First Lady findet mit 50 ihren eigenen Weg», schrieb beispielsweise die New York Times, und schilderte in 1000 Worten, wie Michelle Obama «auf verschiedene Weise die moderne, urbane» Frau in den USA verkörpert.

Auf Instagram sind 1000 Worte zu viel. Auf dem am schnellsten wachsenden sozialen Netzwerk der Welt ist die Zeit für Videos beschränkt auf fünfzehn Sekunden. Das fertige Video von NowThis News zeigte eine Diashow von Fotos der First Lady im Alter von 0, 7, 18, 20, 28, 32, 41, 48 Jahren und heute mit fünfzig Jahren, unterlegt mit schmissiger Musik. Sind das Nachrichten?

Nicht alles eignet sich für kurze Formate

«Ja, natürlich», sagt die junge Redaktorin, die gerade am Beitrag zu Obamas grosser Überwachungsrede arbeitete. Dhiya Kuriakose ist Mitte 20, hat zuvor als Journalistin beim Guardian und beim Tech-Blog Mashable gearbeitet. «Meine Schwester ist 19 und schert sich um nichts, was über die Schlagzeile hinausgeht», erzählte sie mir. «Sie will nicht wissen, was im Leitartikel der New York Times steht. Sie will einfach die News. Sie will, dass sie mitreden kann, wenn einer ihrer Freunde am Abend Obama und die NSA erwähnt».

Doch es zeigt sich: Nicht alles ist möglich. Obamas Rede war für Twitter wie geschaffen. NowThis News veröffentlichte auf dem Kurzmitteilungsdienst noch während der Rede Videoausschnitte. Auf Facebook posteten sie danach eine minutenlange Zusammenfassung der Rede. Doch für die 15 Sekunden Video bei Instagram war die Geschichte über Überwachung, neue Einschränkungen für die Geheimdienste und die lange Ausschweifung über die Gefährdung der nationalen Sicherheit schlicht zu kompliziert.

Mit beiden Füssen in der neuen Medienwelt

Allgemein gehe aber vieles, habe man nur genug Zeit und Kreativität, sagt Ed O'Keefe. Doch alles ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Wer mehr wissen wolle, habe im Internet ja genügend andere Quellen, bestärkt Ed O'Keefe die Mission der Firma: «Wer mit der nächsten Generation kommunizieren will, muss herausfinden, wie das auf diesen Netzwerken geht.» Das sei alles, was NowThis News tue. Es sei nur «eine Ecke der Zukunft des Journalismus».

Viele andere Organisationen tun das nur halbbatzig. Tweeten widerwillig Links zu ihren Webseiten. Oder posten auf Facebook Verweise, dass man ein Heft jetzt am Kiosk kaufen kann (beides sind bei Schweizer Medien übliche Praktiken). «Wir schauen nichts von der Vergangenheit ab», sagt O'Keefe. «Wir sind mit beiden Füssen fest in der neuen Welt.»

«Inhalt ist König, Verbreitung ist Königin»

Und dieser neuen Welt schauen viele traditionelle Häuser noch immer einigermassen verunsichert entgegen. Und das, obwohl Journalismus doch eine Wachstumsindustrie sei, wie Ed O'Keefe betont – wohlwissend, was der Satz beim Zuhörer auslöst. Er nennt als Beispiele Buzzfeed, die Huffington Post – und sich selbst. All diese Unternehmen sind im Kern ähnlich. Sie bauen auf einem mittlerweile berühmten Satz auf, den Buzzfeed-Manager Jonathan Perelman kürzlich einmal gesagt hat: «Inhalt ist König. Doch die Verbreitung ist die Königin – und sie hat die Hosen an.»

Dass O'Keefe diese Regel begriffen hat, zeigen auch die Zahlen von NowThis News: An über 40 Millionen Menschen liefert das junge Medienunternehmen monatlich seine Inhalte. Die Verbreitung erfolgt über eine Vielzahl von Kanälen – darunter auch Partnerseiten wie AOL oder Yahoo! News. 12 Millionen seien es auf den eigenen Kanälen, nebst den Netzwerken gehören dazu eine eigene Smartphone-App und eine Internetseite, sagt Ed O'Keefe.

Umdenken bei traditionellen Medien

So beeindruckende Zahlen haben wohl auch die Investoren der NBC angelockt. Aber auch bei anderen traditionellen Medien haben sie ein Umdenken herbeigeführt. Als BBC News letztes Jahr merkte, dass erstmals mehr Menschen per Smartphone auf ihre Inhalte gucken, ist bei ihnen das Umdenken gekommen: Mitte Januar rief die Organisation Instafax ins Leben, ein neues Videoformat, das für Instagram entwickelt wurde. Es sieht dem Angebot von NowThis News zum Verwechseln ähnlich: Die Videos sind schnell geschnitten, mit Musik unterlegt und erzählen die Geschichte mit den Bildern und darüber gelegten Kurztexten. Aber News auf der Teenie-Messaging-App Snapchat? So weit geht die BBC im Kampf um das junge Publikum nicht. Noch nicht.

... und die Werbung

«Ja, wir würden gerne ein bisschen Geld machen», sagte Ed O'Keefe im Gespräch mit SRF Kultur. Und der einzige Weg ist das vielbesprochene «Native Advertising», also Werbung, die dem Inhalt in der Machart stark ähnelt. Ein Beispiel: Eine Zusammenarbeit mit dem Eis-Hersteller Ben & Jerry's wurde auf Instagram angekündigt und auf YouTube erweitert.

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