Spotify soll die Musik spielen, die wir schon im Ohr haben

Musikfans lieben Spotify und Co. – die breite Mehrheit hört Musik aber nicht über Internetdienste. Die Suche nach dem richtigen Song ist den meisten zu aufwendig. Die Industrie will das ändern und auch Gelegenheitshörer für sich gewinnen: mit der Auswertung persönlicher Daten.

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Bildlegende: «Die unendliche Jukebox» macht aus Liedern einen unendlichen, sich ständig verändernden Loop. The Infinite Jukebox

Hier eine Zahl, die Musikern die Tränen in die Augen treiben dürfte: 70 Prozent derer, die Musik hören, könnte sie egaler nicht sein. Diese Zahl stand im Zentrum einer Präsentation in Austin, Texas, wo sich bis gestern Horden von Musik- und Technologie-Enthusiasten zur Messe «South by Southwest» (SXSW) getroffen haben. Denn Streaming-Dienste konnten diese grosse Mehrheit von Musikhörern trotz rasantem Aufstieg in den letzten Jahren nicht für sich gewinnen.

Mehr nach Bedürfnissen ausrichten

Der für Musikliebhaber wahr gewordene Traum vom direkten Zugriff auf 30 Millionen Songs wirke auf die grosse Mehrheit einschüchternd, sagte Paul Lamere, Tüftler und Datenforscher bei der Firma Echo Nest, einem Unternehmen für Musik-Marktforschung im Internet, der kürzlich von Spotify gekauft wurde. Und für Musik bezahlen wolle diese Mehrheit auch nicht. Für sie müsse Musik kostenlos sein, während Musikfans für Dienste wie Spotify gerne zehn Dollar pro Monat ausgeben würden.

Aber Lamere ist überzeugt, dass auch diese gelegentlichen Hörer – er nennt sie «Indifferents» (40 Prozent) und «Casuals» (30 Prozent) – bei Spotify und Co. Musik hören würden, wenn diese nur besser auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet wären.

Musik spielerisch und ohne Aufwand entdecken

Lamere ist Erfinder mehrerer Internettools, die uns Musik spielerisch entdecken lassen und uns die schwere Entscheidung der Musikwahl abnehmen. Darunter «Six Degrees of Black Sabbath», das Verbindungen von Künstlern aufzeigt, selbst wenn sie musikalisch Welten auseinanderliegen.

Hand hält Handy, auf dem Bildschirm sind farbige Kästchen zu sehen, in denen Worte stehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Nutzer gibt einen Satz ein, der seinen aktuellen Gemütszustand umschreibt, Beats Music erstellt daraus die Playlist. SRF

Es ist nur eine von Lameres Spielereien, die bald in unseren Musikplayern auftauchen könnten. Beats Music, der neueste Spotify-Konkurrent, hat etwas Ähnliches bereits in seinen Dienst integriert: Hier lässt sich automatisch eine Playlist zusammenstellen, indem man einen «Satz» aus einzelnen Wort-Elementen zusammenstellt. Nur wenige Klicks und die App spielt die richtige Musik für die aktuelle Stimmung.

Doch Lamere will noch mehr: Er träumt von einem Musikplayer ganz ohne Knöpfe, der automatisch für jeden Musikhörer die richtige Musik zusammenstellt. Sein Konzept «Zero Button Music Player» würde Playlisten zusammenstellen, die sich aus einem reichen Datenschatz bedienen um die richtige Musik für den richtigen Moment zu finden.

Was Daten verraten

Daten, die wir bereits jetzt mit Musikdiensten teilen geben erstaunlich viel Preis, wie Analysen von Echo Nest aufzeigen. Das Geschlecht ist dabei nur ein Beispiel: Dass Frauen die Rocker Iron Maiden lieben, ist den Daten zufolge, die Lamere von Spotify zur Verfügung stehen, höchst unwahrscheinlich. Dass Männer Justin Bieber lieben, ist noch unwahrscheinlicher. Sind also ein Mann und eine Frau zusammen, wären diese beiden Künstler zu vermeiden. Während Bruno Mars beispielsweise bei beiden Geschlechtern zu den beliebtesten gehört.

Doch wie kommen Spotify und Co. an derartige Informationen? Viele Daten geben wir bereits heute bei der Nutzung solcher Musikdienste heraus: Wohnort, Alter, Geschlecht, Freundeskreise. Und geht es nach Lamere, steht ihm bald ein noch viel reicherer Datenschatz für Spielereien zur Verfügung.

Kontext macht Musik

«Unsere Smartphones wissen, wo wir sind und was wir hören, während wir da sind», sagte Lamere. Diese Kontext-Daten in grossen Mengen könnten helfen, den Musikplayer ohne Knöpfe zu erschaffen – und es warten noch mehr Daten, die analysiert werden könnten. «Kopfhörer werden wissen, ob wir mit dem Kopf zum Beat mitnicken, unser Handy wird wissen, ob wir aufgeregt oder gestresst sind, und uns anhand dieser Informationen das richtige Lied servieren.»

Mit dem Sammeln dieser Daten haben wir bereits selbst gestartet: Da gibt es beispielsweise Kopfhörer, die niemals aufhören zuzuhören, ständig den Standort des Trägers aufzeichnen und seine Aktivitäten messen. Apps wie «Moves» sammeln schon heute Daten über den Standort vom Nutzer und stellen mit Googles Kartendaten fest, ob dieser in einem Kaffee sitzt, im Fitnessstudio trainiert oder im Bus unterwegs ist.

Doch selbst wenn Online-Musikservices uns dazu bringen werden, diese Informationen mit ihnen zu teilen, Lamere und Co. müssen wohl noch einige Denkarbeit leisten, um ebendiesen 70 Prozent Gelegenheitshörern ihre Suche nach der richtigen Musik abzunehmen. Nachdem die Datenberge angesammelt sind, müssen sie analysiert und in brauchbare Tools umgewandelt werden. Bis diese Arbeit getan ist, bleibe die grosse Mehrheit der Musikhörer, wo sie seit Jahrzehnten ist: beim guten alten Radio.